Ägypten

Einblick in die Arbeit für Menschenrechte in Ägypten

Praktikumsbericht von Achim bei Maat in Kairo

Im Zuge meines M.A. Politik und Wirtschaft des Nahen und Mittleren Ostens an der Philipps-Universität Marburg habe ich im März und April 2017 ein achtwöchiges Praktikum bei Maat for Peace, Development and Human Rights in Kairo absolviert. Praktikum bei MAAT MAAT ist eine ägyptische NGO mit ca.15 Mitarbeitern, welche hauptsächlich in den Feldern sozialer Frieden, Entwicklung, Demokratie und Good Governance arbeitet. Zurzeit arbeitet MAAT nur an einem Projekt namens „The Universal Periodic Review as a Tool to Enhance Public Policy“, welches seit Januar 2016 läuft und Ende dieses Jahres ausläuft. Das Projekt wird mit EU-Mitteln finanziert. Das Universal Periodic Review ist ein staatengetriebener Prozess unter Aufsicht des UN-Menschenrechtsrates, welcher die die Menschenrechtslage in allen UN-Mitgliedsstaaten überwacht und ihre Kapazitäten verbessert, um effektiver gegen Menschenrechtsverletzungen vorzugehen. Die überprüften Staaten haben außerdem die Gelegenheit, darzustellen, was sie getan haben, um die Menschenrechtslage zu verbessern und ihren Verpflichtungen aus internationalen Abkommen nachzukommen. Am Ende des Prozesses, an dem auch NGOs mitarbeiten können, steht ein Bericht, welcher alle Fragen, Kommentare und Vorschläge anderer Staaten an den überprüften Staat und die Antworten des überprüften Staates zusammenfasst.  MAATs Projekt zum UPR für Ägypten umfasst folgende Aktivitäten: Ausbau von Kapazitäten 60 lokaler NGOs, so dass diese Ägyptens Verpflichtungen im Rahmen des UPR überwachen können, Gründung der „Egyptian Stakeholders Coalition for the UPR” aus 25 NGOs, Bereitstellung technischer Unterstützung für die Koalitionsmitglieder zur Überwachung lokaler Regierungsaktivitäten und zur Verfassung von Evaluierungen, Ausbau von Kapazitäten von Journalisten und Aktivisten in Sachen Menschenrechte und UPR, Entwicklung einer App über Ägyptens Verpflichtungen im UPR-Prozess und deren Entwicklung, Organisation der legalen und politischen Arbeit bezogen auf die UPR-Verpflichtungen durch die „Public Policy Analysis and Human Rights Unit“, einem unabhängigen Think-tank, welcher u.a. Gesetzesentwürfe ausarbeitet, mehrere Diskussionsrunden mit Experten zu den Gesetzesentwürfen und Lobbyarbeit für die Einhaltung der UPR-Empfehlungen im Parlament bzw. bei Veranstaltungen mit Parlamentariern. Während meines Praktikums habe ich viele verschiedene Recherchetätigkeiten ausgeführt und dabei meistens für mich alleine gearbeitet. Das lag hauptsächlich daran, dass Praktikanten bei MAAT meistens für englischsprachige Arbeiten eingesetzt werden, aber nur zwei Angestellte gut Englisch sprechen. Eine davon ist Fatma, von der ich jeweils meine Aufgaben zugeteilt bekommen habe. Zwei Aufgaben haben mich über meine ganzen acht Wochen bei MAAT begleitet: Jeden Tag habe ich einen Überblick über die internationale und englische ägyptische Medienlandschaft erstellt, wobei ich mich thematisch auf Nachrichten zu Menschenrechten und verwandten Themen konzentriert habe, Themen auf die MAAT sich fokussiert. Außerdem war es die ganze Zeit meine Aufgabe, nach neuen Geldgebern bzw. ausgeschriebenen Projekten Ausschau zu halten, mit bzw. an welchen MAAT ab Januar 2018 arbeiten könnte und habe im Zuge dessen eine Liste von internationalen Organisationen und Fonds erstellt, welche Entwicklungs- und Menschenrechtsprojekte in Ägypten (bzw. im Nahen und Mittleren Osten generell) finanzieren. Außerdem habe ich bei der Vor- und Nachbereitung des Besuchs der MAAT-Delegation bei der 34. Sitzung des UN-Menschenrechtsrates in Genf in März und dafür u.a. eine Liste möglicher Gesprächs- und Kooperationspartner mit Büro in Genf erstellt, Statements anderer NGOs im Zuge der Sitzung des Menschenrechtsrates mit Bezug Ägypten zusammengefasst sowie die Vorschläge anderer Staaten im Zuge des UPR und Ägyptens Antworten  darauf ausgewertet und in einer Tabelle zusammengefasst. Zusätzlich habe ich einige weitere Rechercheaufträge ausgeführt wie die Erstellung einer Liste von offiziellen Statements zur Lage in Ägypten von verschiedenen nordamerikanischen, europäischen und mittelöstlichen Staaten seit 2013, einer Liste von Kontaktdaten ausländischer Botschaften in Kairo sowie eines Dossiers zur Funktionsweise und zu Aussagen und Statements über Ägypten von UN-Sicherheitsrat und UN-Hochkommissariat für Menschenrechte und ihrer Untergremien und zu Informationen zur Verabschiedung eines Gesetzes zur Ratifizierung eines Sicherheitsabkommens zwischen Ägypten und Deutschland und die Haltung der wichtigsten deutschen Parteien dazu. Am 29. März habe ich außerdem an einer Abendveranstaltung mit Bootsfahrt auf dem Nil teilgenommen, welche von MAAT und der Maarij Foundation for Peace and Development für die Mitglieder des „Economic, Social and Cultural Council“ (ECOSOCC) der Afrikanischen Union veranstaltet wurde. Das ECOSOCC ist ein Beratergremium der Afrikanischen Union, dass sich aus NGOs zusammensetzt und dem sich die beiden NGOs gerne anschließen würden. Ich habe mich sehr gut durch meine Praktikumsstelle betreut gefühlt, da meine Betreuerin Fatma im selben Büro saß wie ich und ich jederzeit Fragen stellen konnte, wenn ich bei meiner Arbeit nicht weiterkam. Diese Arbeit habe ich, wie oben schon beschrieben, meistens alleine durchgeführt, dennoch wurde ich von meinen Kollegen sehr herzlich ins Team aufgenommen und hatte in den gemeinsamen Mittagspausen viel Zeit, mich auf Arabisch mit ihnen zu unterhalten. Auf Grund dieser Tatsache werde ich auch versuchen, den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Im Großen und Ganzen kann ich die Praktikumsstelle weiterempfehlen, da sie mir einen guten Einblick in die Arbeit einer Menschenrechts-NGO in Ägypten gegeben hat, einem Land, das nicht gerade für seinen vorbildlichen Umgang mit NGOs und Menschenrechtlern bekannt ist. Für Praktikanten, die mehr an praktischer Arbeit und weniger an Büroarbeit interessiert sind, ist MAAT allerdings nicht unbedingt etwas, da Praktikanten dort gebraucht werden, um interne englische Arbeit zu übernehmen und nicht unbedingt in Projekten vor Ort eingesetzt werden. Ich habe allerdings von vornherein mit Büroarbeit gerechnet, da meine potentiellen Aufgaben Teil des Skype-Gesprächs waren und hatte damit kein Problem. Einen kleinen Einblick in die Projektarbeit „auf der Straße“ hätte ich mir zwar schon gewünscht, außer der Abendveranstaltung mit dem AU ECOSOCC gab es während meiner Zeit bei MAAT allerdings nur die Reise zum UN-Menschenrechtsrat in Genf und eine Pressekonferenz als Veranstaltungen. Eine ägyptisch-kanadische Praktikantin war sogar mit in Genf, allerdings auch schon länger bei MAAT und daher mehr in das UPR-Projekt integriert und außerdem wäre mir ein Flug nach Genf auch zu teuer gewesen und am Tag der Pressekonferenz war ich leider nicht in Kairo. Leben in Kairo Im Zuge meines Praktikums war ich zum vierten Mal in meinem Leben in Ägypten, nachdem ich dort von Oktober 2013 bis Juni 2014 studiert habe und das Land danach noch zwei Mal besucht habe, um Freunde wiederzutreffen. Das letzte Mal war ich sogar erst im September 2016 in Kairo, von daher war es diesmal nicht die große Reise ins Unbekannte, sondern fast schon ein Wieder-nach-Hause-kommen. Die Suche nach einem Zimmer erwies sich allerdings wiederum als halbes Abenteuer, da ich gerne schon vor meiner Abreise ein Zimmer sicher haben wollte und nur zwei Monate in Kairo bleiben wollte. Nach unzähligen Absagen wegen der kurzen Mietdauer, habe ich einige Tage vor meinem Flug nach Kairo eine Zusage für ein Zimmer bekommen und hatte echt Glück. Die Wohnung im Stadtteil Dokki, westlich des Nils, war groß und schön und von äußerst netten Mitbewohnern bewohnt. Dadurch, dass ich nur wenige freie Tage vor und nach meinem Praktikum hatte, habe ich kaum Ausflüge oder Reisen unternommen, allerdings habe ich die meisten touristischen Ziele in Ägypten wie Alexandria, verschiedenen Oasen und die vielen Relikte aus der reichen ägyptischen Geschichte auch schon während meines Studienaufenthaltes gesehen. So war ich diesmal touristisch nur vier Tage am Roten Meer in Safaga sowie im Azhar-Park und im Museum für islamische Kunst in Kairo, war ansonsten aber natürlich abends und am Wochenende viel mit Freunden in Restaurants und Bars unterwegs. Im Vergleich zu meinen letzten Aufenthalten in Kairo war die Stimmung im Land angespannter und negativer. Das lag meiner Meinung nach zum einen an den zunehmenden Anschlägen gegen Christen, vor allem aber an der schlechten wirtschaftlichen Lage. Bekam ich im September für einen Euro noch 12 Ägyptische Pfund, so waren es diesmal um die 20 Pfund. Dementsprechend sind die Preise im auf Importe angewiesenen Ägypten natürlich stark gestiegen, während die Löhne stagnieren. Außerdem scheinen die Großprojekte von Präsident al-Sisi und seiner Regierung auch keine wirtschaftliche Hilfe zu bringen und die Leute werden immer unzufriedener mit seiner Bilanz, da auch die versprochene Sicherheit nicht mehr gegeben zu sein scheint. Für mich, der Euros besitzt, war das Leben in Kairo hingegen sogar billiger als noch vor drei Jahren. *** Die von uns wiedergegebenen Berichte von durch uns vermittelte Praktikant/innen spiegeln nicht notwendigerweise die Sichtweise von 14km e.V. oder unseren Partnern wider.


Wie die Wirtschaftskrise sich auf das Leben in Kairo auswirkt

Achims berichtet von seinem Praktikum bei Maat in Kairo

Achim schreibt über seine Eindrücke aus seinem Aufenthalt in Ägypten während des Praktikums bei Maat for Peace, Development and Human Rights: "Vor zweieinhalb Wochen begann mein vierter Aufenthalt in Kairo, nach neun Monaten Studium 2013/14 sowie zwei kurzen Urlaubsaufenthalten im März 2015 und September 2016. Da mein letzter Aufenthalt hier noch nicht so lange zurückliegt, fühlte sich alles direkt wieder vertraut an. Was mich allerdings erneut überrascht hat, ist, wie kalt sich mehr als 20 °C anfühlen können, sodass ich auch tagsüber meistens noch mit Pullover herumlaufe. Außerdem merkt man viel stärker als im September die Auswirkungen der wirtschaftlichen Probleme Ägyptens. Einerseits durch die gezwungenermaßen erfolgte Freigabe des Pfund-Wechselkurses Ende letzte Jahres, was dazu führt das ein Euro nicht mehr 12 Pfund, sondern fast 20 Pfund entspricht. Andererseits durch die dadurch gestiegenen Preise, die für mich als Europäer durch den Wechselkurs mehr als ausgeglichen werden, für die Ägypter allerdings eine echte Katastrophe sind."  


Den Alltag einer Entwicklungs-NGO kennenlernen

Abschlussbericht von Johanna bei New Horizon in Kairo

Johanna bei den Pyramiden Anfang dieses Jahres bin ich zu einem dreimonatigen Praktikum nach Kairo aufgebrochen. Ich war natürlich super aufgeregt, da ich schon viel von Kairo gehört hatte: es wurde mir als laut, riesig und unübersichtlich beschrieben. Und der Verkehr sei wohl grauenhaft. Fast alle meine Erwartungen wurden auch bestätigt. Kairo ist sehr laut, staubig und schmutzig. Und alles ist voller Autos. Aber es ist eine wunderschöne Stadt! Ich habe in einer WG in Mohandiseen mit sechs weiteren Europäern gewohnt, auf die ich durch Zufall gestoßen bin. Die Wohnung war sehr schön und durch meine vielen Mitbewohner hab ich mich von Anfang an nicht so alleine gefühlt. Khan El-Khalili in Kairo Ich war erstaunt darüber, wie schnell ich mich orientieren konnte. Nach ein paar Tagen konnte ich den Taxifahrern meist schon den Weg sagen. Ich habe mich hauptsächlich mit dem Taxi fortbewegt, oder mit Careem, einer App, über die man ein privates Auto bestellen kann (wie Uber) und deren Fahrer einen nicht so schnell übers Ohr ziehen (sehr zu empfehlen, wenn man den Weg und Preis nicht kennt). Mit der Metro bin ich auch öfters gefahren, aber eher wenn im Feierabendverkehr, wenn man wirklich nicht mit dem Auto vorankommt. Metro fahren fand ich immer super anstrengend, weil man manchmal wirklich kämpfen muss, um in den Wagen rein oder aus ihm raus zu kommen. Aber es ist sehr günstig und praktisch. Wäre das Metro-Netz besser ausgebaut, hätte ich sie auch öfters genutzt. Ich war sehr glücklich darüber, dass ich mich halbwegs auf Arabisch verständigen konnte. Es war selten, dass ein Verkäufer oder Taxifahrer mal Englisch sprach und es kommt mir unmöglich vor, sich ohne Arabisch in Ägypten zurecht zu finden. Aber viele meiner Mitbewohner sprachen kein Arabisch und haben es auch so geschafft. Ich war mehrere Male in Alexandria. Es kostet von Kairo nur 5€ mit dem Zug und ist wirklich eine schöne Abwechslung. Ein paar Tage war ich in Hurghada tauchen. Die Stadt ist hässlich und eigentlich nur auf Touristen ausgelegt, außerdem wollten uns wirklich alle abziehen. Aber es ist unglaublich schön und auch billig einfach den ganzen Tag auf dem Boot zu verbringen und tauchen zu gehen. Ein Wochenende habe ich auf Sekem verbracht, einer biologischen Farm in der Nähe von Kairo. Das hat mal sehr gut getan, da hier die Luft so rein war - und man konnte die Sterne sehen und keine Autos hören. Außerdem war ich in Assuan, im Süden von Ägypten. Der Nil ist hier super schön und es ist meiner Meinung noch einmal eine ganz andere Erfahrung als der Norden. Am meisten habe ich mich während meines Aufenthalts in den Nil und in türkischen Kaffee verliebt. Ich hätte auch den ganzen Tag von Straßencafé zu Straßencafé tingeln können, um Kaffee oder schwarzen Tee zu trinken und die Stadt zu genießen. Und das ägyptische Frühstück ist soo lecker. Typisches ägyptisches Frühstück Natürlich bekommt man aber auch die anderen Seiten mit. Die vielen Straßenkinder überall, heimatlose Tiere, Müllberge. Das Gefühl, nicht wirklich frei zu sein in dem, was du tust und sagst. Während meiner Zeit dort sind immer wieder kleine Dinge passiert, die mich sehr bedrückt haben. Beispielsweise der Tod von Giulio Regeni oder die willkürliche Verhaftung und Tötung von Jugendlichen, nur um ein Zeichen zu setzen und Angst zu schüren. Und ich habe keinen Weg gefunden, mit solchen Situationen umzugehen. Ich selbst habe mich aber fast immer sehr sicher gefühlt. Nur wenn dir immer wieder Leute sagen, dass es gefährlich für dich sei und „Mach dies nicht, tu das nicht“ – das  verwirrt. Ich habe mich nie verschleiert, auch manchmal T-Shirts getragen und das war völlig in Ordnung. Aber natürlich muss man sich viel auf der Straße anhören und in manchen Vierteln mit ungeteilter Aufmerksamkeit rechnen. Ich fand, ich konnte mich sicher in den Straßen bewegen, aber es war jedes Mal wieder eine neue Herausforderung und auch immer wieder anstrengend. In Vierteln wie Zamalek ist es dann ganz anders. Hier halten sich so viele Ausländer auf – da fällt man gar nicht mehr auf. Zum Praktikum New Horizon Association for Social Development ist eine 2003 gegründete ägyptische NGO für soziale Entwicklung mit Sitz in Kairo, Ägypten. Die Organisation setzt sich für die soziale, wirtschaftliche, politische und gesundheitliche Förderung der ärmsten und marginalisiertesten Bevölkerungsschichten des Landes ein, mit besonderem Augenmerk auf Frauen und Jugendliche. Die Projekte von New Horizon umfassen viele Themen, beispielsweise Women Empowerment, wirtschaftliche Stärkung der Gesellschaft, Förderung der Jugend, Schutz gefährdeter Kinder (Straßenkinder, arbeitender Kinder...), Förderung der (biologischen) Landwirtschaft, Umweltschutz, Förderung politischer Bildung und Partizipation sowie die Stärkung lokaler Nicht-Regierungs-Organisationen. Kaffee und Tee In der Kommunikations-und Fundraising-Abteilung arbeiten drei Mitarbeiter: Sarah, Nourhan und Mario. Alle drei empfingen mich herzlich und kümmerten sich sofort um mich, so dass ich mich sehr schnell wohl fühlte. Die Aufgaben dieser Abteilung bestehen insbesondere darin, neue Projekte zu entwickeln, Fördergeldanträge und Projektanträge zu erstellen und den Kontakt zu Förderern, Projekt- Partnern und Zielgruppen aufzunehmen und zu pflegen. Ich unterstützte meine Kollegen in diesem Büro durch viele verschiedene Aufgaben. Ich recherchierte und übersetzte, half bei Überlegungen zu neuen Projekten, bei der Mitgestaltung der Website, bei der Erstellung von Projekt-Zusammenfassungen und Konzept Notes. Meine Arbeit machte mir aber nicht nur Spaß, weil es einfach super interessant war das Alltagsleben einer NGO einmal kennenzulernen, sondern auch, weil ich mich sehr gut mit meinen Kollegen verstand. Neben der Arbeit genoss ich die Zeit mit ihnen sehr. Die Stimmung war immer offen und entspannt. Wir trafen uns auch manchmal am Wochenende, fuhren zusammen nach Alexandria, schauten uns einen Sufi-Tanz an und gingen essen oder Kaffee trinken. So hatte ich jeden Tag gleich mehrere Gründe, mich auf die Arbeit zu freuen. Die Tätigkeiten, die ich während des Praktikums wahrgenommen habe, waren vielfältig. Sie waren allerdings nicht so anspruchsvoll, wie ich erwartet hatte, da ich leider nicht genügend Erfahrung und Kenntnisse hatte, um beispielsweise Projektanträge zu schreiben. Schon die Erstellung eines Konzept Notes viel mir sehr, sehr schwer. In den ersten Tagen las ich hauptsächlich alle Informationen zu alten Projekten durch, was mir einen guten und wichtigen Überblick über die NGO verschaffte und mich auf meine weitere Arbeit vorbereitete. Ich führte überwiegend Recherche zu Trainingsmöglichkeiten für die Mitarbeiter durch, suchte nach Calls for Proposals, nach möglichen finanzierenden Stiftungen und Organisationen, insbesondere im CSR-Bereich. Ich wusste vorher nicht, wie viel Zeit solche Recherchen beanspruchen. Auf Dauer brauchte ich aber auch mal eine Abwechslung. Zu viel Recherche machen ist wirklich auslaugend! Mit Kolleginnen in Alexandria Da die Website der Organisation schon jahrelang nicht mehr aktualisiert wurde und veraltet ist, beschlossen meine Kollegen, eine völlig neue Website zu kreieren, mit neuen Texten, Geschichten und Bildern. Ich half bei Überlegungen zu ihrem Aufbau, und beim Verfassen von Texten, beispielsweise für das Programm und die Zielgruppen. Da wir eine Zeit lang viel Arbeit hatten und meine Kollegen keine Zeit dafür hatten, durfte ich mich an einer Übersetzung vom Arabischen ins Englisch probieren. Es waren Texte über die Programme und Projekte von anderen kleinen NGOs in Ägypten, die schon einmal mit New Horizon zusammen gearbeitet hatten. An dieser Aufgabe saß ich fast zwei Wochen, aber es machte mir viel Spaß. Hier hatte ich endlich mal das Gefühl, mein im Studium erlangtes Wissen auch einbringen zu können! Der Arbeitsalltag variierte von Tag zu Tag und von Woche zu Woche. Eine Zeit lang gab es einige Fristen für Projektanträge bei der EU, die eingehalten werden mussten, so dass alles sehr stressig war und sehr schnell vorangehen musste. Dann gab es wieder ein paar sehr entspannte Tage, an denen wir uns Zeit lassen konnten. Die Zusammenarbeit innerhalb meiner Abteilung ist sehr eng, da oft alle drei Mitarbeiter an unterschiedlichen Aspekten des gleichen Projektes arbeiten. Zudem gab es auch immer einen regen Austausch über aktuelle Projekte, Fristen, Ideen und Probleme. Leider konnte ich an den meisten Meetings nicht teilnehmen, da alles auf Arabisch stattfand, und ich vor allem zu Beginn kaum etwas vom ägyptischen Dialekt verstehen konnte. Ich war insgesamt sehr enttäuscht darüber, dass ich kaum etwas aus meinem bisherigen Studium einbringen konnte. Insgesamt bin ich aber sehr glücklich, dieses Praktikum gemacht zu haben. Ich kann mir jetzt vorstellen, später auch in dem Bereich Entwicklungshilfe oder ähnlichem zu arbeiten. Und vor allem ist Ägypten ein so schönes Land. Ich vermisse Kairo und plane schon, so bald wie möglich wieder dorthin zu fliegen. Nur dieses Mal für einen Sprachkurs :-) Der Nil in Assuan am frühen Morgen Die von uns wiedergegebenen Berichte von durch uns vermittelte Praktikant/innen spiegeln nicht notwendigerweise die Sichtweise von 14km e.V. oder unseren Partnern wider.


Kairo in Bewegung

Zwischenbericht von Johanna bei New Horizon

Johanna meldet sich aus ihrem Praktikum bei der New Horizon Association for Social Development in Kairo: Ich bin jetzt seit fast drei Wochen in Kairo und die Zeit verging bisher unglaublich schnell. Auch wenn ich recht viel unterwegs bin, habe ich das Gefühl, dass ich noch kaum etwas gesehen habe. Kairo ist einfach so groß! Alles ist immer in Bewegung, es ist laut, bunt und unübersichtlich. Am meisten genieße ich es, morgens im Taxi zur Arbeit zu sitzen, mit offenem Fenster, und am Nil entlang zu fahren. Oder mich in eines der vielen kleinen Cafés zu setzen, Tee zu trinken und die Leute zu beobachten. Irgendwie mag ich sogar den Geruch hier, eine Mischung aus Müll, Erde und Abgasen. Was mich aber sehr verwirrt und mir Schwierigkeiten bereitet, ist dazwischen abzuwägen, wie ich selbst Situationen erlebe und wie andere dieselben Situationen einschätzen. Ich fühle mich eigentlich sehr sicher hier, werde aber immer wieder aus diesem Gefühl herausgerissen, wenn mich andere davor warnen, mich auf die eine oder andere Weise zu verhalten. Ich bin gespannt, ob ich es in den nächsten drei Monaten noch schaffe, ein angemessenes Mittelmaß zu finden. *** Die von uns wiedergegebenen Berichte von durch uns vermittelte Praktikant/innen spiegeln nicht notwendigerweise die Sichtweise von 14km e.V. oder unseren Partnern wider.


„Mahragan“ – Musik als Revolution

Während die politischen Akteure der revolutionären Tahrir-Generation ins Hintertreffen geraten sind, brodelt es weiterhin in der ägyptischen Gesellschaft. Der „Mahragan“ mit seinen oftmals blasphemischen, aber ehrlichen Texten könnte das bleibende Symbol für die seit 2011 errungene Redefreiheit werden. An unserem 7. Film- und Diskussionsabend 2015 widmeten wir uns diesem popkulturellen Phänomen und seiner Entstehung in den Kairoer Armenvierteln. Mit „Electro chaabi“ beschreibt die Regisseurin Hind Meddeb den Aufstieg des gleichnamigen Musikstils (der auch „Mahragan“ = „Fest“ genannt wird) – von den Armenvierteln Kairos in den Mainstream der ägyptischen Popkultur. Begleitet und porträtiert werden Pioniere des Mahragan (DJ Amr Haha, DJ Ramy, DJ Vigo, Figo, MC Alaa 50 Cent, MC Sadat, Oka & Ortega, Weza – die letzten drei traten auch zusammen als „Eight Percent“ auf), die mit alten PCs, Keyboards und im Internet gefundenen Remix-Programmen begannen, die traditionelle Sha'abi-Musik elektronisch neu zu erfinden. Die oftmals schrillen Rhythmen werden begleitet von verzerrten Sprechgesängen, deren Texte sarkastisch und provokant ehrlich die Sorgen des Alltagslebens in den Armenvierteln aufgreifen. Immer wieder erklären die Künstler ihren Erfolg damit, dass sie in ihren Texten das sagen, was die Menschen auf der Straße denken. Oft handelt es sich dabei um Banalitäten oder humorvolle Zuspitzungen. Zuweilen scheuen sie sich aber auch nicht, politische Themen aufzugreifen. Porträtiert werden die Künstler beim Einüben ihrer Lieder, durch Interviews mit ihren Verwandten und bei Liveauftritten auf insgesamt vier Hochzeiten – dort, wo die Electro Sha'abi-Musiker erstmals Berühmtheit erlangten und von wo aus ihre Lieder über Mitschnitte und YouTube-Videos rasant verbreitet wurden; bis sie schließlich in den Straßen und öffentlichen Verkehrsmitteln ihrer Viertel omnipräsent waren. Der Film taucht ein in eine männlich-dominierte, jugendliche Subkultur, die sich innerhalb einer streng regulierten Gesellschaft über die Kunst einen Raum der freien Rede erkämpft hat. Beispielhaft für derartige Regeln steht die auch von den Mahragan-Sängern unkritisch hingenommene Rollenverteilung der Geschlechter: Frauen und Männer tanzen nie zusammen, immer separat. Durchgängig bietet der Film seltene Einblicke in die dicht besiedelten Gässchen und Hinterhöfe der ärmeren Vororte Kairos, wo sich unzählige Tuk-Tuks hupend in einem schier endlosen Häusermeer tummeln, wo sich (z.T. brennende) Müllberge an den Straßenrändern stapeln und Minderjährige ihr erstes Geld als Tuk-Tuk-Taxifahrer verdienen. Die Vorstädte wirken abgekoppelt von der öffentlichen Ver- und Entsorgung, ausgegrenzt. Der von den DJs besungene Drogenkonsum scheint vielen Bewohnern Erleichterung zu bieten. Er gehört zum Alltag selbst der Kinder. Während ein Großteil des Films in Stadtteilen wie Imbaba, Al-Matariyyah, El-Salam City spielt, verlagert sich das Geschehen am Ende in die Kairoer Innenstadt. Der Mahragan ist auf dem Weg in den Mainstream. Oka & Ortega unterschreiben ihren ersten Vertrag bei einer Plattenfirma und nutzen die Chance, um zu nationalen Berühmtheiten zu werden. Sie sind bei Talkshowauftritten zu sehen. Man erfährt, dass sie durch die Kairoer Clubs touren und auf Hochzeiten der gehobenen Schichten in Fünf-Sterne-Hotels spielen. Für ein Interview nach ihrem Durchbruch standen sie der Regisseurin anscheinend nicht mehr zur Verfügung. Ihr langjähriger Partner Weza hingegen wurde von dem Vertrag ausgenommen. Er bleibt zurück in den Vororten und beklagt am Ende des Films, wie es zum Bruch zwischen den dreien kam. Im anschließenden Publikumsgespräch mit Mohammed Abdelmageed M. Hussien und Ahmed Awadalla, die in Ägypten die Entstehung des Electro Sha'abi miterlebten, fand eine Einordnung des Films statt. Ahmed Awadalla wies darauf hin, dass die im Film gezeigten Lebensverhältnisse der Armenviertel, aus denen die Mahragan-Pioniere kommen, für 30 Prozent der ägyptischen Gesellschaft gelten. Der Mahragan repräsentiere diesen Teil der Bevölkerung direkt, wobei es weitere 30 Prozent gebe, die sich ebenfalls von dem Phänomen angesprochen fühlen. (Der Anteil der Jugendlichen in der ägyptischen Gesellschaft liege ebenfalls bei ca. 60 Prozent.) Der Musikstil sei bereits vor der Revolution entstanden – 2007/8 – und sei anfangs die Musik der Arbeiterklasse gewesen, die auf der Straße und auf Hochzeiten in Orten Kairos gespielt wurde, die nicht repräsentativ für die ägyptische Gesellschaft als Ganzes stünden. Erst mit der Revolution habe sich ein Raum aufgetan, der die Klassenschranken überwand. Während die Medien den Mahragan zuvor ignorierten, eroberte er in den letzten Jahren nicht nur die „Straße“, sondern auch die (Massen-)Medien. Mohammed Abdelmageed M. Hussien erklärte, dass Electro Sha'abi eine Fusion aus elektronischen Einflüssen und dem älteren Sha'abi (eine ägyptische Volksmusik) sei, der auch in seiner Heimat Oberägypten üblicherweise auf Hochzeiten gespielt werde. Er sei die Musik der einfachen Leute und ihrer Geschichten, in der Regel sei er weder kulturell bildend noch politisch. Aus dem Publikum wurde darauf hingewiesen, dass der Electro Sha'abi sich klar von dieser Tradition abhebe und zu einer durchaus kritischen „Stimme der Armen“ geworden sei. Er stehe für die Dynamik der aktuellen ägyptischen Gesellschaft. Der Frage, ob der Mahragan mit ähnlichen Phänomenen wie dem Gangster Rap in den USA oder Baile Funk in Brasilien vergleichbar sei und ob er Teil einer globalen Bewegung sei, konnte nur in Teilen zugestimmt werden. Alle drei wurden im Rahmen einer Repressionsgeschichte entwickelt und es gebe viele gemeinsame Motive wie Drogen, Gewalt, Sex oder in manchen Fällen auch Politik. In Ägypten gebe es jedoch die revolutionäre Komponente. Der Mahragan passe dadurch besser zu Hip Hop und Blues, die zur Emanzipationsgeschichte des US-amerikansichen Civil Rights Movement gehören. Auf die Frage, wie es um den Mahragan nach dem Militärcoup stehe, betonte Ahmed Awadalla, dass die Musik immer noch präsent sei. Momentan finde jedoch eine Debatte statt, ob sie Gewalt und Drogenmissbrauch fördere (genauso wie bei den populären Sobky-Filmen). Es gebe immer mehr Verbote. Darauf, dass das Besingen von Drogen in Ägypten historisch nichts Neues ist, wurde aus dem Publikum mit einem Verweis auf Texte aus den 1920er Jahren angemerkt. Der als Tradition verklärte Sha'abi sei in Wirklichkeit ein junges Phänomen aus der Zeit der politischen und ökonomischen Transformation in den 1970ern. Ein weitere Einwurf aus dem Publikum wies auf die Paradoxie hin, dass die provokanten Texte und Auftritte des Electro Sha'abi ausgerechnet in den Armenvierteln entstanden, wo sich gleichzeitig konservative und islamistische Bewegungen ausbreiten. Mohammed Abdelmageed M. Hussien erklärte dies damit, dass die Armenviertel prekäre Orte seien, in denen momentan alles ständig neugeformt werde. Deshalb gebe es derartige, durchaus konfliktträchtige Entwicklungen. Passend zum Thema unseres kommenden Film- und Diskussionsabend am 9. Dezember entspann sich eine rege Diskussion um die im Film fehlende Präsenz der Frauen: „Warum treten Männer und Frauen immer in getrennten Gruppen auf? Gibt es die neue Freiheit auch für Frauen? Wollen sie nicht sprechen?“ Aus dem Publikum wurde angemerkt, dass es in der MENA-Region das Konzept gebe, „dass alles aufgeteilt werden kann“. Es werde dort als normal hingenommen, dass Frauen und Männer sich nicht vermischen, sondern auf Distanz zueinander bleiben. Dies heiße aber nicht zwangsläufig, dass Frauen unterdrückt sind. Vielmehr hätten sie eine eigene Lebenssphäre, die im Film einfach nicht gezeigt werde. Der Film zeige nur die Jungs und damit nicht ein Bild der ganzen Gesellschaft. Von einer weiteren Kommentatorin wurde darauf hingewiesen, dass es sogar gefährlich sein könne, diese unsichtbaren Grenzen zu überschreiten. Besonders Mädchen und Frauen seien dann von Belästigungen oder Schlimmerem bedroht. Auch wurde angemerkt, dass in den oberen Gesellschaftsschichten Ägyptens und auf Popmusikfestivals beide Geschlechter zusammen tanzen und es diese strenge Separation nicht gebe. In der Öffentlichkeit der Armenviertel sei allerdings auffällig, dass nur die jungen Männer die Chance ergriffen, öffentlich zu sagen, was sie wollen. Als abschließender Hinweis wurde noch vermerkt, dass es auch öffentliche Mahragans von und für Frauen gebe, diese seien aber weder groß noch berühmt. Hier ein paar Beispiele: Unser Gast Ahmed Awadalla bloggt. Kurzbiografie der Regisseurin Hind Meddeb Musiktipps aus dem Publikum Filmbesprechung auf norient Veranstaltungsleitung und Moderation: Andreas Fricke Koordination vor Ort: Andreas Fricke Text: Steffen Benzler Fotos: Jana Vietze Übersetzung ins Englische: Alex Odlum Programm: das ehrenamtliche 14km Film Team Die 14km Film- und Diskussionsreihe wird 2015 mit Haushaltsmitteln des Landes Berlin – Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit – gefördert. Thema des nächsten Film- und Diskussionsabends am 9. Dezember werden Frauenrechte in Nordafrika sein. Infos zum Termin und gezeigten Film "Die Quelle der Frauen" gibt es hier. Übersicht der 14km Film- und Diskussionsabende 2015 Wir bedanken uns für die Unterstützung:


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