Die Rolle der Frau in Nordafrika – ein Kampf zwischen Tradition und neuer Freiheit

14km Film- und Diskussionsreihe

22. Dezember 2015

„Frauenrechte sollten ganz oben auf der neuen Prioritätenliste stehen“ sagte Pillay (Hohe  Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte) am 07.03.2011 nach den Revolutionen in Nordafrika.

In den letzten vier Jahren seit Beginn der Revolution in Tunesien hat sich in den Ländern Nordafrikas viel verändert. Neben den zahlreichen politischen Umbrüchen entstanden viele Diskussionen um die gesellschaftliche Entwicklung, in deren Zentrum vor allem auch die Rolle der Frau stand.

Es war einmal … mit dem gezeigten Film wurde das Thema der Frauenrechte in Nordafrika aufgegriffen. Mit „Die Quelle der Frauen“ von Radu Mihăileanu wurde ein Spielfilm gezeigt, in dessen Vorspann schon seine märchenhaft anmutende Erzählweise deutlich wird: In einem Dorf „irgendwo zwischen Nordafrika und dem Mittleren Osten“ wird die Geschichte einer Gruppe Frauen „irgendwo zwischen Realität und Märchen“ erzählt.

Die erste Szene des Filmes stellt die Zerrissenheit der Dorfgemeinschaft in all seiner Deutlichkeit dar. Während die Frauen an der entlegenen Wasserstelle Wasser holen, sitzen die Männer zusammen und trinken Tee. Zugleich wird die Geburt eines Kindes im Dorf gefeiert, während Karima ihr Ungeborenes bei einem Unfall beim Wasserholen verliert.

Dieses Ereignis führt bei der jungen Leila, die ebenfalls schon einmal ein Kind beim Wasserholen verlor, zu einem Umdenken: die Männer sollen das Wasser für die Dorfgemeinschaft holen oder eine Wasserleitung bis ins Dorf bauen. Als einziges Druckmittel für diesen Kampf sieht sie einen Liebesstreik. Zunächst trifft Leila als Dorffremde auf viel Widerstand – vor allem von ihrer Schwiegermutter Fatima. Doch ihr liebender Ehemann und die Dorfälteste stehen ihr während des Kampfes von Beginn an zur Seite.

Im Laufe des Filmes werden das Leben und die Rolle der Frau genau wiedergegeben. Die Frauen im Dorf beschreiben ihre Zeit bis zum 14. Geburtstag „als schönste ihres Lebens“, da sie bis dahin frei leben konnten. Sie beschreiben die Tatsache, dass die Frauen zu der entfernten Quelle laufen, um Wasser für das Dorf zu holen und dabei immer wieder durch Unfälle ihr Ungeborenen verlieren, als Tradition. Vor allem malen die Frauen ihr Leid immer wieder in Liedern aus und beschreiben sich dabei als „Fußmatten“ und „Lastenträger für die Männer“.

Den Kampf um mehr Anerkennung bestritten die Frauen mit kreativen Mitteln. Während die Männer wie üblich zusammen Tee tranken, da sie aufgrund der Trockenheit keine Feldarbeit mehr verrichten können, stellten die Dorffrauen einen aus Ästen gebauten Brunnen auf und zeigten ein Plakat mit den Worten „Eure Herzen sind vertrocknet und dornig“.

Das letzte Gefecht bestreiten die Frauen beim öffentlichen Erntedankfest, auf dem sie ihr Leid besingen. Dies führt zur Darstellung der Situation des Dorfes in einem Zeitungsartikel. Aus Angst der Regierung, dass sich der Streik ausbreiten könnte und dass die Forderungen der Frauen zunehmen würden, bauten sie umgehend eine Wasserleitung ins Dorf.

Die Wasserleitung führte zu einem höheren Selbstbewusstsein der Frau. Jedoch waren die Befürchtungen der Männer nach einem immer weiteren Verlangen nach mehr Macht unbegründet, denn zum Schluss stellten die Dorffrauen fest „die Quelle der Frauen ist die Liebe – die Quelle der Frauen ist der Mann“. Im gesamten Film wird der Kampf zwischen Tradition und Neuzeit deutlich. Der Film spielt mit vielen Tabu-Themen in der arabischen Gesellschaft und beschreibt den eindrucksvollen Kampf um Anerkennung der Frau.

DSC_0097In der anschließenden Diskussion mit Hoda Salah (promovierte Politikwissenschaftlerin, Frauenrechtlerin und Dozentin für politische Bildung; Titel der Promotion „Die politische Partizipation von islamischen Aktivistinnen in Ägypten“) und Eva Christine Schmidt (promoviert momentan an der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies zum Thema „Gender Politics in Transition. The Role of Feminist Actors in the Tunesian Transition„) wurden die Themen des Filmes aufgegriffen und ein Schwerpunkt auf die Situation in Tunesien und Ägypten gelegt.

Zunächst beschrieben beide Referentinnen ihren guten Eindruck über den Film. Dabei machten sie darauf aufmerksam, dass der Film lediglich die Rolle der Frau in Dörfern beschreibe. Das Leben und die Rolle der Frau in Städten sehe anders aus. Zudem sei es wichtig, dass es nicht DIE arabische Frau gäbe. Deutlich werde dies auch darin, dass die Frauen im Film um Grundrechte kämpften. Die Frau in der Stadt hingegen kämpfe schon um ihre individuellen Menschenrechte. So beschreibe der Film eher Stereotype in einer bestimmten Schicht. Hoda Salah findet den Dreh und die Ausstrahlung solcher Filme sehr wichtig, „da in solchen Filmen starke Frauen gezeigt werde.“

Auch das Spiel mit mehreren Tabu-Themen in der arabischen Gesellschaft in den Nebenerzählsträngen des Filmes sei sehr interessant an diesem Film. Dabei sei vor allem der Umgang mit dem Thema der Sexualität spannend. So wird beispielsweise im Laufe des Filmes deutlich, dass Leila vor ihrer Ehe schon einmal geliebt hatte und als unrein in die Ehe ging. Die Liebe ihres Mannes verhilft ihm jedoch dazu ihr dieses Verhalten und die Lüge zu verzeihen. Aber auch das Thema der Vergewaltigung in der Ehe wird angesprochen.

DSC_0135Anschließend wurde genauer auf die Situation der Frau in Tunesien und Ägypten vor und nach der Revolution eingegangen. Eva Christine Schmidt beschreibt zunächst die Situation in Tunesien vor der Revolution als vom Staat kontrolliert. Es gebe nur kleine feministische Gruppen, die vor allem in der Hauptstadt Tunis angesiedelt waren (z.B. die Association Tunisienne des Femmes Démocrates (ATFD) und die Union Nationale de la Femme Tunisienne (UNFT). Durch die Revolution fände eine Öffnung des Systems statt und es bildeten sich neue feministische Organisationen im ganzen Land. Es entständen vor allem zwei große Frauenbewegungen – die schon vor der Revolution bestehenden Organisationen, die eher links orientiert sind, und eine religiöse Bewegung, die den Feminismus im Einklang mit dem Islam als Ziel hätte. Daraus entständen aber auch viele Konflikte in der Frauenrechtebewegung in Tunesien. Vor allem, da die linken Organisationen Feminismus und Islam eher als einen Gegensatz sähen. Dies mache die Kooperation zwischen den beiden großen Bewegungen schwierig.

DSC_0119Die Rolle der Frau in Ägypten kann nach Hoda Salah in vier Phasen beschrieben werden. Dabei ging sie vor allem auf die Ursprünge der Frauenbewegungen ein. So hatte Ägypten eine der frühesten Frauenbewegungen im arabischen Raum. Nachdem ägyptische Frauen 1933 an einer Konferenz in Italien teilgenommen hätten, nahmen sie auf dem Tahrir-Platz ihre Kopftücher ab und setzten damit ein Zeichen für ihre Freiheit. Heutzutage sähen die Enkelinnen dieser Frauen das Tragen eines Kopftuches eher als Abgrenzung zum Westen. Daher käme es in Ägypten zu Spannungen zwischen diesen beiden Gruppen. Sie betonte aber auch, dass der Kampf um mehr Rechte vor allem ein elitärer Kampf der Mittel- und Oberschicht sei. Er beinhalte nur den Kampf um individuelle Rechte, jedoch nicht die Grundrechte für z.B. Frauen in den Dörfern. Daher würde er zu keiner Lösung von Realitätsproblemen in der Gesellschaft führen.

In der weiteren Diskussion mit dem Publikum wird auf die dargestellte körperliche Stärke der Frau eingegangen. Dabei wird die Schizophrenie der Gesellschaft herausgestellt. Der Mann gelte als ausschließlich stark, während die Frau als ausschließlich schwach gelte. In den Dörfern werde diese Ansicht noch stärker verinnerlicht.

Die Veränderungen durch die Revolutionen im Feminismus in Nordafrika werde auch in der Form des Aktivismus deutlich. So habe die Revolution vor allem gelehrt, dass man nicht immer eine institutionelle Ebene benötige, um Veränderungen herbeizuführen. Junge Menschen bräuchten keine Führer, sondern haben ihre eigenen Ideen und entwickeln diese zusammen. So gäbe es zum Beispiel in Tunesien Flashmobs oder eine tunisische Feministin schloss sich für kurze Zeit den Aktivistinnen von ‚Femen’ an.
Jedoch sei auch die institutionelle Form des Kampfes um Frauenrechte in Tunesien weit verbreitet. Im Gegensatz zu Ägypten gäbe es in Tunesien Institute, die gezielt in die Dörfer gehen und versuchen über Bildung eine Veränderung herbeizuführen, wodurch die Frauen eine höhere Unabhängigkeit erreichen.

Als Sorgen werden zum einen das Erlöschen des Kampfes nach Erreichen des Zieles und die Rolle der Männer genannt. Frauen sollten nicht nur für ihre Rechte kämpfen, sondern sich auch frei machen, dass der Mann für die finanzielle Versorgung der Familie zuständig sei. Durch Arbeitslosigkeit erleide der Mann eine zweifache Demütigung – gesellschaftlich und familiär. Daher sollen auch die Männerrechte beachtet werden und es solle zu einer Egalität beider kommen.

Geschlossen wurde die Diskussion mit Fragen des Publikums unter anderem nach der Tiefe des Diskurses in den jeweiligen Ländern. Beide Referentinnen beschrieben eine Zunahme des Diskurses nach den Revolutionen in beiden Ländern. So gebe es zum Beispiel öffentliche Demonstrationen nach der Vergewaltigung einer Frau durch Polizisten in Tunesien oder gegen die gewählten Moslembrüder in Ägypten, die die Rechte der Frau geschwächt hatten. In beiden Ländern spielen Frauen eine wichtige Rolle in der Politik.

Die letzte Frage beschäftigte sich mit der Anregung zum selbstständigen Denken von Heranwachsenden, was zu einer Änderung der Rollenbilder führen könnte. Dabei komme es zwar zu einem Umdenken, da sich die Frau sowohl als Hausfrau als auch als berufstätige Person sähe. Jedoch sei die Rolle der Bildungsstätten in diesem Zusammenhang schwer zu beschreiben, da sich in Ägypten zum Beispiel alles ums Auswendiglernen drehe. Eine große Bedeutung werde dem Selbststudium über das Internet zugeschrieben.

Deutlich wurde vor allem, dass es große Unterschiede in allen Schichten der Gesellschaft und in der Rolle der Frau in Dörfern und Städten gibt. Durch die Revolution gab es eine Stärkung der Rolle der Frau in der Gesellschaft, jedoch müssen die verschiedenen Strömungen noch ihren gemeinsamen Weg finden. Eine große Rolle spielt dabei vor allem die Jugend und ihre kreative Auseinandersetzung mit diesem Thema.

Vielen Dank an die Referentinnen und allen Gästen für das Kommen und die spannende Diskussion. Besonderen Dank gilt dabei Hoda Salah und Eva Christine Schmidt für die interessanten Hintergrundinformationen zu der Lage der Frauen in Tunesien und Ägypten.

Veranstaltungsleitung: Carolin Bannorth und Andreas Fricke

Moderation: Carolin Bannorth

Text: Sarah Müller

Fotos: Jana Vietze

Organisation: das ehrenamtliche 14km Filmteam

Projekteitung: Andreas Fricke

Die 14km Film- und Diskussionsreihe wird 2015 mit Haushaltsmitteln des Landes Berlin – Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit – gefördert.

Weitere Veranstaltungsberichte und Informationen finden Sie auf der Projektseite.

 

Wir bedanken uns für die Unterstützung:

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1. Interkulturelles Seminar am 30.01.2016 in Berlin „14 km e.V. war ein wichtiger Weichensteller“
1. Interkulturelles Seminar am 30.01.2016 in Berlin
„14 km e.V. war ein wichtiger Weichensteller“

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