Krieg und Flucht mit Kinderaugen sehen – Filmvorführung „Schildkröten können fliegen“

24. Juli 2015

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Kinder und ihre Sicht auf die Welt stehen im Zentrum des Films von Regisseur Bahman Ghobadi, der die Lage von Flüchtlingskindern im kurdischen Teil des Irak beschreibt und dabei nicht nur Fiktion und Dokumentation vermengt, sondern auch die Zeit Anfang der 90er-Jahre mit der Invasion der US-Truppen 2003. Der zweite Film unserer 14km Film- und Disskussionsreihe ist zwar aus dem Jahr 2004, wirkt heute jedoch umso beklemmender, als sich die tragischen Flüchtlingsschicksale aufgrund der Gewalt der Terrogruppe „Islamischer Staat“ heute unter anderen Vorzeichen wiederholen.

Bezeichnend für die kindliche Perspektive ist schon der Titel des Films: Bei den „Schildkröten“ handelt es sich um Antipersonenminen, mit deren Entschärfung sich die kurdischen Flüchtlingskinder, die meisten von ihnen Waisen, ein Auskommen sichern. Zur Verstümmelung der Kinder, denen teilweise Arme und Beine fehlen, bemerkt ihr Anführer, der „Satellit“ genannt wird, nur lakonisch: „Das sind die besten [Minenräumer] – sie haben keine Angst mehr“.

DSC_0069Die Angst vor den Minen mögen die Kinder verloren haben – die traumatischen Erlebnisse aus der Vergangenheit wie der Verlust von Eltern, Geschwistern, Misshandlung und Vergewaltigung begleiten sie jedoch täglich ebenso wie Hunger und Armut in den elenden Verhältnissen eines Flüchtlingslagers. Stacheldrahtzäune und Panzer-Wracks, Matsch, schmutzige Kleidung, notdürftige Zelte sowie eine karge Felslandschaft sind die Kulisse, vor der sich die Kinder mit beeindruckender Energie und gegenseitiger Solidarität jeden Tag aufs Neue in den Überlebenskampf stürzen.

Doch nicht jedem gelingt der Blick nach vorne. Gleich zu Beginn des Films sieht man Agrin, ein 14jähriges Mädchen, an den Klippen stehen. Von Baath-Soldaten während des Massakers von Halabja vergewaltigt, hat sie einen Sohn zur Welt gebracht, den sie nicht lieben kann. Trotz der Liebe, die ihr Bruder und Satellit ihr entgegenbringen, ertränkt sie ihren Sohn und stürzt sich selbst von den Klippen.

Regisseur Bahman Ghobadi bezeichnet seinen Film dennoch als einen „Film nicht nur von, sondern auch für Kinder“. Mit den drastischen Szenen erweckt er beim Zuschauer ein Gefühl für die Schrecken von Krieg und Verfolgung. Die Invasion der US-Truppen 2003, mit der für die irakischen Kurden die Befreiung von Saddam Hussein und dem Baath-Regime einherging, stellt er aus der Perspektive eines desillusionierten Kindes als weitere Episode des Kriegsgeschehens wenig euphorisch dar.

So pessimistisch wie der Film endet, hat sich die Lage der Kurden im Irak jedoch seit 2003 nicht entwickelt, erklärten die geladenen Experten in der anschließenden Diskussion. Dr. Karin Mlodoch von Haukari e.V., einem Verein, der sich für den Schutz von Frauen in Gewalt- und Krisensituationen einsetzt und im Nordirak vor Ort aktiv ist, sowie Dr. Awat Asadi, Politologe am Zentrum für Kurdische Studien Navend in Bonn, ordneten den Film in den historischen Kontext ein und gaben Einblicke in aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen.

„Sehr erschüttert“ zeigte sich Dr. Mlodoch von dem Film – insbesondere deshalb, weil der Film die Agonie von Anfang der 90er-Jahre, als der Nordirak „einem einzigen großen Flüchtlingslager“ glich, zurück ins Bewusstsein rufe. Bei heutiger Betrachtung lasse es sich nicht vermeiden, an die aktuelle Verschleppung und Versklavung jesidischer Frauen und Kinder durch die Terrorgruppe ISIS zu denken. Die positive Veränderung und Stabilisierung, die seit 2003 in der kurdischen Autonomieregion stattgefunden habe, sei dadurch leider vorerst angehalten worden. Dr. Mlodoch spricht aus ihrer Erfahrung in der Hilfsarbeit mit Opfern von Gewalt, insbesondere mit Frauen, die bei der Anfal-Operation Angehörige verloren haben und selbst verschleppt und misshandelt worden sind. Unter dem Codewort „Anfal“ verübte das Baath-Regime von 1988-1989 Massaker und Giftgasangriffe an der kurdischen Zivilbevölkerung des Irak, die heute von einigen Staaten offiziell als Genozid anerkannt werden. Der Angriff auf Halabja, auf den im Film angespielt wird, ist eine dieser AttackeDSC_0078n.

Dr. Awad Asadi zeigte jedoch auch die hoffnungsvolle Seite der irakisch-kurdischen Geschichte auf. Nach dem Sturz Saddam Husseins stabilisierte sich die Regierungsführung in der autonomen Region und es wurden, auch mit Hilfe von Einnahmen aus der Erdölförderung, Aufbaumaßnahmen durchgeführt. Erstmals bemühte sich die Regierung um die Befriedigung von Grundbedürfnissen der Menschen wie sauberes Wasser, Elektrizität, Gesundheit und Bildung. Auch eine zivilgesellschaftliche Bewegung der Selbstorganisation bildete sich.

Seine Hoffnung auf eine positive Entwicklung des Landes will Dr. Asadi trotz der aktuellen Rückschläge durch die IS-Angriffe nicht aufgeben. Er setze darauf, dass dem IS aufgrund fehlenden Nachschubs früher oder später die Munition ausgehe. Im Gegensatz zum Baath-Regime sei die Terrorgruppe ein Fremdkörper in der Region und verliere ihren Rückhalt in der sunnitischen Bevölkerung. Frau Dr. Mlodoch ergänzte hierzu: Die Unterstützung von Sunniten konnte die IS-Terrorgruppe nur gewinnen, indem sie deren Marginalisierung unter der schiitischen Maliki-Regierung ausnutzte. Für eine Lösung des Konflikts sei es daher wesentlich, der sunnitischen Bevölkerung eine Perspektive aufzuzeigen und Partizipation zu ermöglichen.

Momentan stellt die Flüchtlingsproblematik die größte Herausforderung für die kurdische autonome Region dar. Neben einer halben Million syrischer Flüchtlinge sind es vor allem die knapp 1 Million irakischen Binnenflüchtlinge, die die einheimische Bevölkerung an die Grenzen ihrer Kapazitäten bringen. Die Situation in den südlichen Regionen wie in Khanaqin sei eine „humanitäre Katastrophe“, beklagt Dr. Mlodoch, betont jedoch gleichzeitig die unglaubliche Solidarität der einheimischen Bevölkerung. Wieder sind es also dramatische Flüchtlingsbiographien, die im kurdischen Nordirak geschrieben werden. Aktueller könnte der Film „Schildkröten können fliegen“ kaum sein. Es bleibt zu hoffen, dass er seine Brisanz bald wieder verliert.

Beim Filmabend gab es auch erstmals unsere neuen 14km-Stofftaschen zu erwerben.

Beim Filmabend waren auch erstmals unsere neuen 14km-Stofftaschen erhältlich.

Vielen Dank an Dr. Karin Mlodoch und Dr. Awat Asadi für die Mitwirkung an diesem Abend und die interessanten Hintergrundinformationen zur Geschichte und aktuellen Situation der Kurden im Nordirak.

Veranstaltungsleitung und Moderation: Carolin Bannorth

Koordination vor Ort: Steffen Benzler

Text: Susanne Kappe

Fotos: Helena Burgrova

Organisation und Planung: Andreas Fricke

Programm: das ehrenamtliche 14km Film Team

Die 14km Film- und Diskussionsreihe wird 2015 mit Haushaltsmitteln des Landes Berlin – Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit – gefördert.

Thema des nächsten Film- und Diskussionsabends am 26. August wird das Land Jemen sein.

Weitere Film- und Diskussionsabende sind an folgenden Terminen in Planung:

16. September / 07. Oktober / 28. Oktober / 18. November / 9. Dezember

Wir bedanken uns für die Unterstützung:

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Blick in die Jugendförderung in Jordanien – Ameli berichtet über ihr Praktikum beim Shabab al-Ghad Center in Aqaba Auf Expedition im Jemen: 14km Film- und Diskussionsabend
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