Josephine Witt: Sechs Wochen Praktikum bei der Munathara Initiative in Tunis

22. November 2013
„Es gibt wenige Länder, die derzeit  so spannend sind wie die der arabischen Welt. Die Euphorie des Arabischen Frühlings mag verflogen sein, doch aus erster Hand die Berichte der jungen und alten Menschen in Tunesien über „ihre“ Revolution zu hören, allein dafür hat sich die Reise für mich als Politikwissenschaftsstudentin schon gelohnt.

Meine Erwartungen an das Praktikum gingen daher in eine ähnliche Richtung, ich wollte junge politisch engagierte Menschen treffen und hatte gehofft, auch einige von jenen jungen Menschen kennenzulernen, denen die Organisation Munathara eine Stimme verleiht und die sie der Durchsetzung ihrer Wünsche und Zukunftsvorstellungen ein Stück näher bringt.

Ich wollte dort gerne ein Praktikum machen, weil ich Munathara für ein sehr gutes und wichtiges Projekt halte. Munathara ist bei vielen engagierten Tunesierinnen und Tunesiern bekannt und anerkannt und ich glaube, dass es besonders wichtig in dieser Region ist, den Dialog zu fördern, im Sinne von sich mit der Gegenseite auseinander setzen zu müssen und zuzuhören, was sie zu sagen haben – wie in Ägypten auch ist die tunesische Gesellschaft gefährdet, sich weiter zu spalten und einen Kompromiss nicht als Erfolg sondern als Niederlage zu verstehen. Da es sich um eine Onlineplattform handelt, bin ich im Rahmen der Arbeit leider nur wenigen Beteiligten begegnet und die Outreach-Workshops sowie die Munathara-Debatten finden natürlich auf tunesischer bzw. arabischer Sprache statt, sodass ich inhaltlich von der Arbeit nicht so viel mitnehmen konnte, wie ich mir erhofft hatte. Denn wer Arabisch spricht ist natürlich klar im Vorteil, auch wenn wir im Team Englisch und im Alltag gesprochen haben und Tunesisch vom Hocharabischen weit entfernt ist. Das Konzept von Munathara ist völlig zu Recht, dass die jungen Leute ihre Gedanken auf Arabisch formulieren und das hätte ich sehr gerne mehr verstanden. Ich konnte über die Zeit trotzdem sehr viel über die derzeitige Situation, die Probleme, Sorgen und Hoffnungen verschiedener Tunesierinnen und Tunesier erfahren, weil ständig großartige Menschen, die an Projekten beteiligt waren, ins Büro kamen und uns auf Nachfrage gern ihre Sicht schilderten.

Ich habe großen Respekt vor dem Team, die meist von verschiedenen Ländern aus,  ohne direkten Kontakt, mit vielen tollen Unterstützer/innen in kurzer Zeit ganze Fernsehdebatten und umfassende Projekte auf die Beine stellen. Als Assistentin des Gründers von Munathara war ich diesem direkt unterstellt und habe als jene organisatorische Aufgaben erfüllt, für die ihm die Zeit fehlt, und ihn bei der Vorbereitung seines in der Zeit stattfindenden TEDx talks unterstützt. Außerdem habe ich versucht, eine Webseite für ihn zu erstellen, was sich für mich als schwieriger als gedacht herausstellte. Ich war mit meinen Aufgaben zufrieden und bin sie insbesondere am Beginn mit viel Elan angegangen. Leider habe ich wenig Feedback von meinem Chef erhalten, da dieser fast durchgängig außerhalb von Tunesien unterwegs war und zeitlich sehr eingebunden. Ich mochte meinen Chef sehr und ich hoffe, dass er in Zukunft (wie versprochen) mehr Feedback geben wird, da das die Arbeit doch sehr erleichtert.

Die anderen Teammitglieder waren meist sehr in ihre verschiedenen Projekte eingebunden, im Rückblick ärgere ich mich über mich selbst, dass ich zu wenig Initiative zeigte und ihnen bei ihrer Arbeit mehr über die Schulter hätte schauen sollen. Ansonsten habe ich mit dem 4- bzw. 5-köpfigen Teams auch in der Freizeit gerne Zeit verbracht. Ich mochte unseren Arbeitsort sehr und freundete mich gut mit meinen Kolleg/innen an: Fast jeden Tag fuhr ich mit einem Kollegen von ihnen zur Arbeit und ging abends oft mit ihnen etwas trinken und essen. Sie sind ein fantastisches Team und können einem mit allen möglichen Problemen helfen.

Tunis1_CC-By-JosephineWitt_ND-NC

Ich war zu Beginn des Jahres bereits für 10 Tage in Tunis anlässlich des Weltsozialforums, ich kannte also schon die wichtigsten Ecken und mehrere tolle Leute. Nachdem ich 2 Tage bei Freunden geschlafen habe, hat mir ein Kollege von der Arbeit einen Platz in einer Wohnung vermittelt, in der ich erstaunlicherweise umsonst wohnen durfte. Allerdings lagen Komfort und Sauberkeit deutlich unter den Standards, auch für tunesische Verhältnisse, denn es gibt in Tunis durchaus schöne Wohnungen zu günstigen Preisen. Für alle, die länger als 1 Monat bleiben, würde ich raten, vor Ort zu suchen und nicht die erstbeste Wohnung zu nehmen, denn am Ende wird vermutlich ein Bekannter die Unterbringung vermitteln.

Die beste Art Menschen kennenzulernen ist meiner Meinung nach, zu den wöchentlichen Couchsurfing Meetings zu gehen, wo sich Ausländer/innen, junge international interessierte Tunesier/innen und Ex-Pats treffen. Es ist leicht, in Tunesien Freund/innen zu finden, vermutlich sogar fürs Leben. Sie nehmen dich völlig selbstverständlich in ihren Freundeskreis auf. Menschen, die einen auf der Straße ansprechen, sollte man ein natürliches Maß an Misstrauen entgegen bringen, aber ich habe keine einzige schlechte Erfahrungen gemacht, obwohl mein Viertel in den Augen vieler tunesischer Freund/innen ein verhältnismäßig gefährlicher Ort war. Auch wenn eine Frau auf der Straße, im Café und im Supermarkt angestarrt wird, habe ich mich in Tunesien nie unsicher gefühlt und die Leute sind alle freundlich. Einige hielten mich sogar mit meinen braunen Haaren für eine Tunesierin, da es sogar einige wenige blonde Berberinnen gibt.

Tunesien ist bekannt für seine schönen Mittelmeerstrände und den Großteil des Jahres kann man dort baden gehen. In Tunis direkt geht das zwar nicht, aber in den Vororten, etwa La Marsa, wo die gehobeneren Tunesier/innen und Leute aus dem Ausland wohnen, kann man im Meer baden oder die Füße ins Wasser halten. Ein Wochenende habe ich einen Ausflug nach ElDjem, Sousse und Hamamet gemacht. Es lohnt sich, die Wochenenden zu nutzen und entweder mit den billigen Louages, (sprich: Lu-ahsch, kleine Busse mit 9 Sitzen), oder dem Zug in andere Städte zu fahren, denn das Land ist sehr unterschiedlich, je nachdem wo man hinkommt.

Was ich allen ans Herz legen würde, die nach Tunesien fahren, ist, sich die Zeit zum Reisen zu nehmen. Ich habe am Ende des Praktikums einige Tage freinehmen dürfen und bin mit Freunden in einem Wüstentruck nach Douz und von dort aus 2 Tage in die Wüste hinein gefahren. Wir hatten zwar einen Reiseführer für den Weg, aber es war keine organisierte Reise, daher kann ich leider nichts Konkretes empfehlen, doch es gibt viele Angebote für Tourist/innen. Eine Reise in die Wüste lohnt sich erst ab min. 4 Tagen, aber den endlosen Sternenhimmel, dampfgegarten Couscous, den fließenden, weichen Sand und den Hauch von Lebensweisheit, den einen dort überkommt, sollte niemand verpassen.“

 

Die von uns wiedergegebenen Berichte von durch uns vermittelte Praktikant/innen spiegeln nicht notwendigerweise die Sichtweise von 14km e.V. oder unseren Partnern wider.


Filmabend im Rahmen der Roadshow von Art/Violence Kurzfristig: Praktikumsplatz bei 14km e.V. in Berlin
Filmabend im Rahmen der Roadshow von Art/Violence
Kurzfristig: Praktikumsplatz bei 14km e.V. in Berlin


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