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Migration, Flucht… und weitaus mehr!

14km Film- und Diskussionsreihe - Rückblick auf 2015

Dass die 14km Film- und Diskussionsreihe im Jahr 2015 ein voller Erfolg war kann man leicht beziffern: 381 Personen zählten wir insgesamt als unser Publikum, besonders erfreulich war dabei der gestiegene Anteil an Personen mit persönlichem Migrationshintergund auf 23% (im Vorjahr 16%). Das 14km-Film-Team war mit sechs Ehrenamtlichen sechs mal so groß wie 2014, das verfügbare maximale Budget war mit 2.200 Euro gut dreimal so hoch wie im Jahr zuvor und besonders auffällig: die Anzahl der Veranstaltungen stieg um 100% auf 8 Abendveranstaltungen, die zuletzt in kurzem 3-Wochen-Abstand stattfanden. Auch die Qualität haben wir gesteigert! Basis dafür war unser engagiertes Team, dass nicht mehr nur Deutschland sondern nun auch Europa und insbesondere auch Nordafrika besser repräsentierte. Zusammengesetzt nach den Herkunftsländern Deutschland, Tunesien und Spanien konnten wir so formal unserem Slogan 14km - The shortest distance between North Africa and Europe. gerecht werden und unse Vielfältigkeit auch in unsere inhaltliche Arbeit einfließen lassen. Dazu wurde "14km" auch zum Kern des Titels unserer Reihe, um die Perspektiven beider Seiten des Mittelmeeres in den auf die Filme folgenden Diskussionen besser zu verdeutlichen. Die Filmqualität haben wir bewusst ausgebaut: neben eindrücklichen Indiependent-Dokumentarfilmen zeigten wir auch professionellere Produktionen sowie erstmals auch Spielfilme, die sich zum anschließenden politischen Diskutieren eigneten. Bei der Themenauswahl berücksichtigten wir zuvor noch nicht vertretene Länder (Jemen, Sudan, Westsahara) und widmeten uns auch wichtigen länderübergreifenden Themen (Amazigh, Kinder, Migration, Popmusik, Frauen-Rechte). Bereits zu Beginn des Jahres 2015 stand die Region Nordafrika und Naher Osten im Licht großen allgemeinen Interesses. Das sich dieser Fokus im Jahresverlauf bis ins Extrem steigerte beweist die hohe Aktualität und Bedeutung unserer Arbeit. Kinder im Krieg und auf der Flucht kann man leicht als eines der zentralen Themen des Jahres in der europäischen Medienlandschaft auffinden. Mit dem cineastischen Leckerbissen Schildkröten können fliegen gaben wir diesem Thema einen besonderen Schwerpunkt: der Film spielt zu Beginn der US-Angriffe auf den Irak unter Saddam Hussein 2003 und zeigt das Leid von Kindern in Flüchtlingslagern. Einerseits liegen diese Ereignisse am Beginn einer Kette von Ereignissen, die heute große Wirkung im Irak und Syrien entfalten (Gründe für das Erstarken des "IS"). Andererseits gibt es neuerdings gerade im kurdischen Nordirak, dem Handlungsort des Films, etwas Hoffnung auf ein stabiles politisches System. Um Flüchtlingslager drehte es sich auch bei unserem Abend Migration nach Europa, dem weiteren medialen Kernthema des Jahres. Die immer weiter ansteigenden Flüchtlingsströme aus Syrien hielten die ganze Europäische Union in Atem. Mit dem Film 14 Kilometer - Auf der Suche nach dem Glück legten wir unseren kontrastierenden Fokus auf Migration an der Westseite des Mittelmeers und befassten uns dabei auch mit einer zweiten natürlichen Barriere, deren Kennzeichen ebenso Flüchtlingslager, Schleuser und Tote sind: die Sandmeere der Sahara-Wüsten. Diskutiert wurde dabei natürlich auch das zweite instabile Land der Region: Libyen. Auch wurden verschiedene Motive für Flucht bzw. Migration deutlich: ökonomische Chancenlosigkeit und persönliches Schicksaal. Motive, die über Krieg und Terror hinaus gehen - und zu Beginn des Jahres 2016 in der europäischen Diskussion um illegale Immigration und Kriminalität wieder hoch aktuell sind. Für unsere Reihe hatten wir uns das Ziel gesetzt, nicht nur innerhalb der Diskussionen ein breites Spektrum an Informationen, Eindrücken und Meinungen zu vermitteln, sondern dies auch mittels einer variantenreichen Themenvielfalt zu tun. Nordafrika und der Nahe Osten bestehen eben aus mehr als den bekannten Kriesenherden Syrien und Libyen. Auch anderswo in der Region gibt es Krieg, Terror und Flucht. Etwas weniger im europäischen Fokus steht dabei der Jemen, wo derzeit ein schiitisch-sunnitischer Krieg stellvertretend für die Regionalmächte Saudi Arabien und Iran ausgetragen wird. Wir näherten uns mit dem Film Expedition Yemen der Kultur und Gesellschaft des Landes aus der provozierenden Sicht eines egozentrischen europäischen Abenteueres, und diskustierten intensiv Stereotype, kulturelle und gesellschaftliche Fragen und insbesondere die Rolle von Frauen im Jemen. Weitere Krisengebiete sind in Europa derzeit so gut wie vergessen. Der Darfur-Konflikt im Sudan, so die Lektion unserer Veranstaltung mit Vorführung von Darfur's Skeleton, hat an Dramatik kaum eingebüsst und sich keiner realistischen Lösung genähert. Eindringlich waren die Diskussionen zwischen Sudanesen im Publikum, insbesondere als ein junger Mann mit feuchten Augen fragte, wie er das Land aufbauen solle, wenn sich niemand aus dem Haus traue, da rein willkürlich Menschen erschossen würden. International finde das dortige Drama kaum noch Beachtung, da ausländische Berichterstattung effektiv verhindert werde. Wenig europäische Beachtung findet ein weiterer Konflikt: die Unabhängigkeitsbewegung Westsaharas gegenüber Marokko. Dieser Konflikt ist bisher sehr friedlich, dies bezeugt auch der Dokumentarfilm Life is Waiting. Die Aktivisten diskutierten mittlerweile jedoch aus ihrem Frust der Erfolglosigkeit heraus militanter zu werden, um den Status als "letzte Kolonie Afrikas" zu beseitigen. Drei weitere sehr spannende Themen hatten einen kulturell-gesellschaftlichen Hintergrund. Auf die Region um Marokko, Tunesien, Algerien und Libyen bezog sich unser Themenabend Amazigh (Berber). Dabei lag der Fokus des Films Azul auf dem Leben dieser indigenen Minderheitengruppe in Tunesien, während sich die Diskusion auf Marokko konzentrierte. Es stellt sich die Frage, wie mit diesem kulturellen Erbe umgegangen werden solle: mit neuem Stolz oder doch mit Scham? Rund um die Alltagskultut der Länder Nordafrikas spannten sich auch die Diskussionen nach den beiden noch nicht genannten Filmen. Die Quelle der Frauen spielt in der Region der Amazigh. Wir diskutierten die Lage der Frauen-Rechte in Nordafrika auch in Bezug auf Tradtion und Moderne, Fragen der Macht, Freiheit, Emanzipation und der Sexualtität. Wir näherten uns also gewissermaßen der Quelle des Lebens! Dieses Themengebiet, Frauen und Männer, provozierende Offenheit und kulturell induzierter Scham, begannen wir bereits in Bezug zur Festmusik (Mahragan) Ägyptens zu diskutieren - eingebettet im Thema politische Pomusik. Der Film Electro Chaabi leitete dazu mit dem Portrait junger Musiker in Kairo ein. Wie üblich beendeten wir unserer Veranstaltung mit einem umfassenden Bericht, der auch Zusatzinformationen aus dem Publikum aufnahm. In diesem Fall zwei rare Beispiele für Electro Chaabi von Musikerinnen. Unser herzlichster Dank geht zunächst an unser treues und engagiertes Publikum, dessen aktive Beteiligung die Würze unserer Veranstaltungsreihe liefert. Wir bedanken uns bei der Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit (LEZ) der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung für ihre finanzielle Förderung, die unsere 14km Film- und Diskussionsreihe 2015 überhaupt erst ermöglichte, sowie bei Herrn Walter Hättig und der Stiftung Nord-Süd Brücken für die damit verbundene hilfreiche Unterstützung. Ein Dankeschön hat sich auch das ehrenamtliche Team des Filmrauschpalastes verdient, das uns an allen acht Abenden beherbergte und Projektionen digitalen und analogen Formats (35mm) ermöglichte. Bei dieser Gelegenheit danken wir auch den Verleihern für die Aufführungsrechte der gezeigten Filme. Unseren geladenen Gästen danken wir an dieser Stelle ausdrücklich noch einmal, denn ohne Ihre Auskünfte und Beiträge als Experten/innen (Referenten/innen) und Zeitzeugen/innen wäre keine glaubwürdige und authentische Diskussion möglich gewesen. Mein herzlichster Dank geht - last but not least - an mein 14km-Film-Team. Carolin Bannorth, Silvia Limiñana, Khouloud Khalfallah, Houssein Ben Amor und Steffen Benzler - eure Mitarbeit hat unser engagiertes Projekt überaus interessant und erfolgreich gemacht! Im Namen des Film-Teams spreche ich für die zusätzliche Unterstüzung von Susanne Kappe, Alex Odlum, Sarah Müller, Jana Vietze, Caroline Bunge und Helena Burgrova ein Dankeschön aus. Berlin im Januar 2016 Andreas Fricke (Projektleiter) Wir bedanken uns für die Unterstützung:    


„14 km e.V. war ein wichtiger Weichensteller“

Abschlussbericht von Michael bei SMEX in Beirut

2015 absolvierte ich ein 6-monatiges Praktikum bei der libanesischen NGO SMEX (Social Media Exchange). Die Zeit war reich an Erfahrungen sowohl in persönlicher als auch beruflicher Hinsicht. SMEX ist eine kleine Organisation die sich für digital rights in der arabischen Region einsetzt, also Menschenrechten, die auf das Internet bezogen werden. Ich lernte viel was dem Alltag einer kleinen lokalen NGO angeht – von Projektanträgen über digitale Techniken zur Visualisierung von Daten bis hin zur Konzipierung von Online-Trainingseinheiten für AktivistInnen und JournalistInnen. Meine Chefs waren unkompliziert und nahmen sich meist auch Zeit für mich und ihnen war es wichtig, dass sowohl mir als auch ihnen mein Aufenthalt etwas brachte. Sie unterstützten mich zusätzlich mit einem kleinen Taschengeld, was es erst ermöglichte, dass ich solange bleiben konnte. Als ich bei meiner Suche für ein Praktikum bei einer politischen Organisation im arabischen Raum auf die Homepage von 14 km e.V. stoß, war ich sehr glücklich endlich eine größere Auswahl von verschiedenen Organisationen auf einer Seite gefunden zu haben. Es ist schwierig von außen und ohne Kontakte vor Ort an solche Organisationen zu kommen. Schnell war mir klar, dass für mich SMEX ein idealer Partner sein würde, der mir Erfahrungen bieten kann und ich ihm gleichzeitig auch mit meinem Wissen und Fähigkeiten zur Seite stehen kann. Nach einem Vorstellungsgespräch bei 14 km e.V. wurde dann der Kontakt mit der Organisation vor Ort ziemlich unkompliziert hergestellt. Als ich dann fünf Monate später auch endlich im Libanon eintraf, war ich sehr glücklich um meine Entscheidung und blieb das auch für die Dauer meines Aufenthaltes. Nicht nur die Arbeit, sondern auch das Land und Beirut haben es mir sehr angetan und mir leicht gemacht mich gut einzufinden. Gerade für politisch interessierte Menschen bietet das Land sehr viel und manch einer behauptet auch, dass der Libanon ein guter Einstieg in die Region ist (wenn auch nicht ein gutes Land um die Sprache zu lernen). Es macht auf alle Fälle viel Spaß das Land kennenzulernen, ob es nun die Berge, das Meer oder die Bekkaa-Ebene sind – für jeden ist einiges dabei. Viele Freunde und Kontakte habe ich gefunden und bin auch weiterhin in Kontakt mit ihnen. 14 km e.V. war für mein Vorhaben ein wichtiger Weichensteller, der meinen „Besuch” vor Ort auf jeden Fall viel wahrscheinlicher gemacht hat. Die von uns wiedergegebenen Berichte von durch uns vermittelte Praktikant/innen spiegeln nicht notwendigerweise die Sichtweise von 14km e.V. oder unseren Partnern wider.


Die Rolle der Frau in Nordafrika – ein Kampf zwischen Tradition und neuer Freiheit

14km Film- und Diskussionsreihe

"Frauenrechte sollten ganz oben auf der neuen Prioritätenliste stehen" sagte Pillay (Hohe  Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte) am 07.03.2011 nach den Revolutionen in Nordafrika. In den letzten vier Jahren seit Beginn der Revolution in Tunesien hat sich in den Ländern Nordafrikas viel verändert. Neben den zahlreichen politischen Umbrüchen entstanden viele Diskussionen um die gesellschaftliche Entwicklung, in deren Zentrum vor allem auch die Rolle der Frau stand. Es war einmal ... mit dem gezeigten Film wurde das Thema der Frauenrechte in Nordafrika aufgegriffen. Mit „Die Quelle der Frauen“ von Radu Mihăileanu wurde ein Spielfilm gezeigt, in dessen Vorspann schon seine märchenhaft anmutende Erzählweise deutlich wird: In einem Dorf „irgendwo zwischen Nordafrika und dem Mittleren Osten“ wird die Geschichte einer Gruppe Frauen „irgendwo zwischen Realität und Märchen“ erzählt. Die erste Szene des Filmes stellt die Zerrissenheit der Dorfgemeinschaft in all seiner Deutlichkeit dar. Während die Frauen an der entlegenen Wasserstelle Wasser holen, sitzen die Männer zusammen und trinken Tee. Zugleich wird die Geburt eines Kindes im Dorf gefeiert, während Karima ihr Ungeborenes bei einem Unfall beim Wasserholen verliert. Dieses Ereignis führt bei der jungen Leila, die ebenfalls schon einmal ein Kind beim Wasserholen verlor, zu einem Umdenken: die Männer sollen das Wasser für die Dorfgemeinschaft holen oder eine Wasserleitung bis ins Dorf bauen. Als einziges Druckmittel für diesen Kampf sieht sie einen Liebesstreik. Zunächst trifft Leila als Dorffremde auf viel Widerstand – vor allem von ihrer Schwiegermutter Fatima. Doch ihr liebender Ehemann und die Dorfälteste stehen ihr während des Kampfes von Beginn an zur Seite. Im Laufe des Filmes werden das Leben und die Rolle der Frau genau wiedergegeben. Die Frauen im Dorf beschreiben ihre Zeit bis zum 14. Geburtstag „als schönste ihres Lebens“, da sie bis dahin frei leben konnten. Sie beschreiben die Tatsache, dass die Frauen zu der entfernten Quelle laufen, um Wasser für das Dorf zu holen und dabei immer wieder durch Unfälle ihr Ungeborenen verlieren, als Tradition. Vor allem malen die Frauen ihr Leid immer wieder in Liedern aus und beschreiben sich dabei als „Fußmatten“ und „Lastenträger für die Männer“. Den Kampf um mehr Anerkennung bestritten die Frauen mit kreativen Mitteln. Während die Männer wie üblich zusammen Tee tranken, da sie aufgrund der Trockenheit keine Feldarbeit mehr verrichten können, stellten die Dorffrauen einen aus Ästen gebauten Brunnen auf und zeigten ein Plakat mit den Worten „Eure Herzen sind vertrocknet und dornig“. Das letzte Gefecht bestreiten die Frauen beim öffentlichen Erntedankfest, auf dem sie ihr Leid besingen. Dies führt zur Darstellung der Situation des Dorfes in einem Zeitungsartikel. Aus Angst der Regierung, dass sich der Streik ausbreiten könnte und dass die Forderungen der Frauen zunehmen würden, bauten sie umgehend eine Wasserleitung ins Dorf. Die Wasserleitung führte zu einem höheren Selbstbewusstsein der Frau. Jedoch waren die Befürchtungen der Männer nach einem immer weiteren Verlangen nach mehr Macht unbegründet, denn zum Schluss stellten die Dorffrauen fest „die Quelle der Frauen ist die Liebe – die Quelle der Frauen ist der Mann“. Im gesamten Film wird der Kampf zwischen Tradition und Neuzeit deutlich. Der Film spielt mit vielen Tabu-Themen in der arabischen Gesellschaft und beschreibt den eindrucksvollen Kampf um Anerkennung der Frau. In der anschließenden Diskussion mit Hoda Salah (promovierte Politikwissenschaftlerin, Frauenrechtlerin und Dozentin für politische Bildung; Titel der Promotion "Die politische Partizipation von islamischen Aktivistinnen in Ägypten") und Eva Christine Schmidt (promoviert momentan an der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies zum Thema "Gender Politics in Transition. The Role of Feminist Actors in the Tunesian Transition") wurden die Themen des Filmes aufgegriffen und ein Schwerpunkt auf die Situation in Tunesien und Ägypten gelegt. Zunächst beschrieben beide Referentinnen ihren guten Eindruck über den Film. Dabei machten sie darauf aufmerksam, dass der Film lediglich die Rolle der Frau in Dörfern beschreibe. Das Leben und die Rolle der Frau in Städten sehe anders aus. Zudem sei es wichtig, dass es nicht DIE arabische Frau gäbe. Deutlich werde dies auch darin, dass die Frauen im Film um Grundrechte kämpften. Die Frau in der Stadt hingegen kämpfe schon um ihre individuellen Menschenrechte. So beschreibe der Film eher Stereotype in einer bestimmten Schicht. Hoda Salah findet den Dreh und die Ausstrahlung solcher Filme sehr wichtig, „da in solchen Filmen starke Frauen gezeigt werde.“ Auch das Spiel mit mehreren Tabu-Themen in der arabischen Gesellschaft in den Nebenerzählsträngen des Filmes sei sehr interessant an diesem Film. Dabei sei vor allem der Umgang mit dem Thema der Sexualität spannend. So wird beispielsweise im Laufe des Filmes deutlich, dass Leila vor ihrer Ehe schon einmal geliebt hatte und als unrein in die Ehe ging. Die Liebe ihres Mannes verhilft ihm jedoch dazu ihr dieses Verhalten und die Lüge zu verzeihen. Aber auch das Thema der Vergewaltigung in der Ehe wird angesprochen. Anschließend wurde genauer auf die Situation der Frau in Tunesien und Ägypten vor und nach der Revolution eingegangen. Eva Christine Schmidt beschreibt zunächst die Situation in Tunesien vor der Revolution als vom Staat kontrolliert. Es gebe nur kleine feministische Gruppen, die vor allem in der Hauptstadt Tunis angesiedelt waren (z.B. die Association Tunisienne des Femmes Démocrates (ATFD) und die Union Nationale de la Femme Tunisienne (UNFT). Durch die Revolution fände eine Öffnung des Systems statt und es bildeten sich neue feministische Organisationen im ganzen Land. Es entständen vor allem zwei große Frauenbewegungen - die schon vor der Revolution bestehenden Organisationen, die eher links orientiert sind, und eine religiöse Bewegung, die den Feminismus im Einklang mit dem Islam als Ziel hätte. Daraus entständen aber auch viele Konflikte in der Frauenrechtebewegung in Tunesien. Vor allem, da die linken Organisationen Feminismus und Islam eher als einen Gegensatz sähen. Dies mache die Kooperation zwischen den beiden großen Bewegungen schwierig. Die Rolle der Frau in Ägypten kann nach Hoda Salah in vier Phasen beschrieben werden. Dabei ging sie vor allem auf die Ursprünge der Frauenbewegungen ein. So hatte Ägypten eine der frühesten Frauenbewegungen im arabischen Raum. Nachdem ägyptische Frauen 1933 an einer Konferenz in Italien teilgenommen hätten, nahmen sie auf dem Tahrir-Platz ihre Kopftücher ab und setzten damit ein Zeichen für ihre Freiheit. Heutzutage sähen die Enkelinnen dieser Frauen das Tragen eines Kopftuches eher als Abgrenzung zum Westen. Daher käme es in Ägypten zu Spannungen zwischen diesen beiden Gruppen. Sie betonte aber auch, dass der Kampf um mehr Rechte vor allem ein elitärer Kampf der Mittel- und Oberschicht sei. Er beinhalte nur den Kampf um individuelle Rechte, jedoch nicht die Grundrechte für z.B. Frauen in den Dörfern. Daher würde er zu keiner Lösung von Realitätsproblemen in der Gesellschaft führen. In der weiteren Diskussion mit dem Publikum wird auf die dargestellte körperliche Stärke der Frau eingegangen. Dabei wird die Schizophrenie der Gesellschaft herausgestellt. Der Mann gelte als ausschließlich stark, während die Frau als ausschließlich schwach gelte. In den Dörfern werde diese Ansicht noch stärker verinnerlicht. Die Veränderungen durch die Revolutionen im Feminismus in Nordafrika werde auch in der Form des Aktivismus deutlich. So habe die Revolution vor allem gelehrt, dass man nicht immer eine institutionelle Ebene benötige, um Veränderungen herbeizuführen. Junge Menschen bräuchten keine Führer, sondern haben ihre eigenen Ideen und entwickeln diese zusammen. So gäbe es zum Beispiel in Tunesien Flashmobs oder eine tunisische Feministin schloss sich für kurze Zeit den Aktivistinnen von ‚Femen’ an. Jedoch sei auch die institutionelle Form des Kampfes um Frauenrechte in Tunesien weit verbreitet. Im Gegensatz zu Ägypten gäbe es in Tunesien Institute, die gezielt in die Dörfer gehen und versuchen über Bildung eine Veränderung herbeizuführen, wodurch die Frauen eine höhere Unabhängigkeit erreichen. Als Sorgen werden zum einen das Erlöschen des Kampfes nach Erreichen des Zieles und die Rolle der Männer genannt. Frauen sollten nicht nur für ihre Rechte kämpfen, sondern sich auch frei machen, dass der Mann für die finanzielle Versorgung der Familie zuständig sei. Durch Arbeitslosigkeit erleide der Mann eine zweifache Demütigung – gesellschaftlich und familiär. Daher sollen auch die Männerrechte beachtet werden und es solle zu einer Egalität beider kommen. Geschlossen wurde die Diskussion mit Fragen des Publikums unter anderem nach der Tiefe des Diskurses in den jeweiligen Ländern. Beide Referentinnen beschrieben eine Zunahme des Diskurses nach den Revolutionen in beiden Ländern. So gebe es zum Beispiel öffentliche Demonstrationen nach der Vergewaltigung einer Frau durch Polizisten in Tunesien oder gegen die gewählten Moslembrüder in Ägypten, die die Rechte der Frau geschwächt hatten. In beiden Ländern spielen Frauen eine wichtige Rolle in der Politik. Die letzte Frage beschäftigte sich mit der Anregung zum selbstständigen Denken von Heranwachsenden, was zu einer Änderung der Rollenbilder führen könnte. Dabei komme es zwar zu einem Umdenken, da sich die Frau sowohl als Hausfrau als auch als berufstätige Person sähe. Jedoch sei die Rolle der Bildungsstätten in diesem Zusammenhang schwer zu beschreiben, da sich in Ägypten zum Beispiel alles ums Auswendiglernen drehe. Eine große Bedeutung werde dem Selbststudium über das Internet zugeschrieben. Deutlich wurde vor allem, dass es große Unterschiede in allen Schichten der Gesellschaft und in der Rolle der Frau in Dörfern und Städten gibt. Durch die Revolution gab es eine Stärkung der Rolle der Frau in der Gesellschaft, jedoch müssen die verschiedenen Strömungen noch ihren gemeinsamen Weg finden. Eine große Rolle spielt dabei vor allem die Jugend und ihre kreative Auseinandersetzung mit diesem Thema. Vielen Dank an die Referentinnen und allen Gästen für das Kommen und die spannende Diskussion. Besonderen Dank gilt dabei Hoda Salah und Eva Christine Schmidt für die interessanten Hintergrundinformationen zu der Lage der Frauen in Tunesien und Ägypten. Veranstaltungseinladung mit Informationen und Links zum Film "Die Quelle der Frauen" Filme zum Thema in der 14km Filmdatenbank   Veranstaltungsleitung: Carolin Bannorth und Andreas Fricke Moderation: Carolin Bannorth Text: Sarah Müller Fotos: Jana Vietze Organisation: das ehrenamtliche 14km Filmteam Projekteitung: Andreas Fricke Die 14km Film- und Diskussionsreihe wird 2015 mit Haushaltsmitteln des Landes Berlin – Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit – gefördert. Weitere Veranstaltungsberichte und Informationen finden Sie auf der Projektseite.   Wir bedanken uns für die Unterstützung:


1. Interkulturelles Seminar am 30.01.2016 in Berlin

Ab Januar 2016 führt das Team von 14km e.V. - the shortest distance between North Africa and Europe interkulturelle Seminare durch. Ziel ist es, für künftige Auslandsaufenthalte in der Region Nordafrika und Naher Osten zu sensibilisieren. Dabei wollen wir unser Wissen und unsere Auslandserfahrungen in der Region Nordafrika und Naher Osten gern weitergeben und Euch auf die kulturellen Besonderheiten und Unterschiede in der Region vorbereiten. An dem ganztägigen, interaktiven Workshop möchten wir Euch durch Vorträge grundlegende Informationen vermitteln. Mit Hilfe verschiedener Methoden wollen wir zu einem lebendigen und erfahrungsorientierten Lernen anregen. Dabei sollen auch mögliche Vorurteile und Stereotype thematisiert bzw. reduziert werden. Kosten Das Seminar kostet 25 € inkl. der Bereitstellung von kleinen Snacks in der Mittagspause und Getränken. Für Schüler und Studenten gibt es eine Ermäßigung von 5 €. Termine Das erste Seminar wird am 30.01.2016 stattfinden. Weitere Termine werden folgen. Außerdem besteht die Möglichkeit ab einer interessierten Gruppe von 5 Personen individuelle Termine für ein Seminar mit uns zu vereinbaren. Interesse? Kontaktiert uns gern oder meldet Euch an unter: InterKult@14km.org Homepage 14km Interkulturelles Seminar


“Ahlan wa sahlan – refugees welcome“

Multilaterale Jugendbegegnung

Durchführungszeitraum: Mai 2016 in Berlin Beteiligte Länder: Tunesien, Ägypten, Deutschland   Warum ist unser Projekt wichtig? Seit mehreren Jahren winden sich Syrien und Libyen in einem blutigen zivilen Krieg, der Millionen Menschen zur Flucht zwingt. Für viele Menschen auf der Flucht wird Europa und u.a. Deutschland zum Zielland. Auch Nordafrika gilt als unmittelbares Transfer/Zielland für hunderttausende Geflüchtete. So gibt es hunderttausende geflüchtete SyrerInnen in Ägypten und mehr als eine Million geflüchteten LibyerInnen in Tunesien. Die Migrationsströme stellen eine große Herausforderung für arabische und europäische Länder dar. Wie genau in anderen Ländern mit dieser Herausforderung umgegangen wird, wird in der Regel nicht thematisiert. Wissens- und Erfahrungsaustausch könnten aber gerade zwischen Nordafrika und Europa Verständnis erzeugen, neue Perspektiven in den Diskurs einbringen und Lösungsansätze aufzeigen. Deswegen möchten wir im Mai 2016 je fünf junge Menschen aus Ägypten, Tunesien und Deutschland in Berlin zusammenbringen und die Lage der Geflüchteten in den drei Ländern und die Möglichkeiten diese strukturell zu verbessern, zusammen thematisieren. Was ist unser Ziel? Wir möchten einen produktiven Erfahrungs- und Ideenaustausch unter Jugendlichen aus Ägypten, Tunesien und Deutschland initiieren und die Frage stellen: Was kann ich persönlich tun, um die Situation der Geflüchteten in meinem Heimatland zu verbessern? Wir möchten die Teilnehmenden ermuntern, selbst in diesem Bereich aktiv zu werden, sei es durch die Unterstützung von Einzelpersonen, Initiativen, Institutionen oder den Aufbau eines eigenen Projekts. Was können Sie machen? Wenn Sie unsere Arbeit unterstützen wollen, können Sie gern spenden. Wir stellen für Sie gern eine Spendenbescheinigung aus. Unsere Bankverbindung ist: Bank: GLS Gemeinschaftsbank IBAN: DE97 43060967 1159374500 BIC: GENO DE M 1 GLS Wir freuen uns auch über eine Unterstützung in anderer Form z. B. als ReferentIn. Wo erfahre ich mehr über das Projekt? Alle Ihre Fragen beantworten sehr gern unsere Projektkoordinatorinnen Helena Burgrova und Caroline Bunge.


„Mahragan“ – Musik als Revolution

Während die politischen Akteure der revolutionären Tahrir-Generation ins Hintertreffen geraten sind, brodelt es weiterhin in der ägyptischen Gesellschaft. Der „Mahragan“ mit seinen oftmals blasphemischen, aber ehrlichen Texten könnte das bleibende Symbol für die seit 2011 errungene Redefreiheit werden. An unserem 7. Film- und Diskussionsabend 2015 widmeten wir uns diesem popkulturellen Phänomen und seiner Entstehung in den Kairoer Armenvierteln. Mit „Electro chaabi“ beschreibt die Regisseurin Hind Meddeb den Aufstieg des gleichnamigen Musikstils (der auch „Mahragan“ = „Fest“ genannt wird) – von den Armenvierteln Kairos in den Mainstream der ägyptischen Popkultur. Begleitet und porträtiert werden Pioniere des Mahragan (DJ Amr Haha, DJ Ramy, DJ Vigo, Figo, MC Alaa 50 Cent, MC Sadat, Oka & Ortega, Weza – die letzten drei traten auch zusammen als „Eight Percent“ auf), die mit alten PCs, Keyboards und im Internet gefundenen Remix-Programmen begannen, die traditionelle Sha'abi-Musik elektronisch neu zu erfinden. Die oftmals schrillen Rhythmen werden begleitet von verzerrten Sprechgesängen, deren Texte sarkastisch und provokant ehrlich die Sorgen des Alltagslebens in den Armenvierteln aufgreifen. Immer wieder erklären die Künstler ihren Erfolg damit, dass sie in ihren Texten das sagen, was die Menschen auf der Straße denken. Oft handelt es sich dabei um Banalitäten oder humorvolle Zuspitzungen. Zuweilen scheuen sie sich aber auch nicht, politische Themen aufzugreifen. Porträtiert werden die Künstler beim Einüben ihrer Lieder, durch Interviews mit ihren Verwandten und bei Liveauftritten auf insgesamt vier Hochzeiten – dort, wo die Electro Sha'abi-Musiker erstmals Berühmtheit erlangten und von wo aus ihre Lieder über Mitschnitte und YouTube-Videos rasant verbreitet wurden; bis sie schließlich in den Straßen und öffentlichen Verkehrsmitteln ihrer Viertel omnipräsent waren. Der Film taucht ein in eine männlich-dominierte, jugendliche Subkultur, die sich innerhalb einer streng regulierten Gesellschaft über die Kunst einen Raum der freien Rede erkämpft hat. Beispielhaft für derartige Regeln steht die auch von den Mahragan-Sängern unkritisch hingenommene Rollenverteilung der Geschlechter: Frauen und Männer tanzen nie zusammen, immer separat. Durchgängig bietet der Film seltene Einblicke in die dicht besiedelten Gässchen und Hinterhöfe der ärmeren Vororte Kairos, wo sich unzählige Tuk-Tuks hupend in einem schier endlosen Häusermeer tummeln, wo sich (z.T. brennende) Müllberge an den Straßenrändern stapeln und Minderjährige ihr erstes Geld als Tuk-Tuk-Taxifahrer verdienen. Die Vorstädte wirken abgekoppelt von der öffentlichen Ver- und Entsorgung, ausgegrenzt. Der von den DJs besungene Drogenkonsum scheint vielen Bewohnern Erleichterung zu bieten. Er gehört zum Alltag selbst der Kinder. Während ein Großteil des Films in Stadtteilen wie Imbaba, Al-Matariyyah, El-Salam City spielt, verlagert sich das Geschehen am Ende in die Kairoer Innenstadt. Der Mahragan ist auf dem Weg in den Mainstream. Oka & Ortega unterschreiben ihren ersten Vertrag bei einer Plattenfirma und nutzen die Chance, um zu nationalen Berühmtheiten zu werden. Sie sind bei Talkshowauftritten zu sehen. Man erfährt, dass sie durch die Kairoer Clubs touren und auf Hochzeiten der gehobenen Schichten in Fünf-Sterne-Hotels spielen. Für ein Interview nach ihrem Durchbruch standen sie der Regisseurin anscheinend nicht mehr zur Verfügung. Ihr langjähriger Partner Weza hingegen wurde von dem Vertrag ausgenommen. Er bleibt zurück in den Vororten und beklagt am Ende des Films, wie es zum Bruch zwischen den dreien kam. Im anschließenden Publikumsgespräch mit Mohammed Abdelmageed M. Hussien und Ahmed Awadalla, die in Ägypten die Entstehung des Electro Sha'abi miterlebten, fand eine Einordnung des Films statt. Ahmed Awadalla wies darauf hin, dass die im Film gezeigten Lebensverhältnisse der Armenviertel, aus denen die Mahragan-Pioniere kommen, für 30 Prozent der ägyptischen Gesellschaft gelten. Der Mahragan repräsentiere diesen Teil der Bevölkerung direkt, wobei es weitere 30 Prozent gebe, die sich ebenfalls von dem Phänomen angesprochen fühlen. (Der Anteil der Jugendlichen in der ägyptischen Gesellschaft liege ebenfalls bei ca. 60 Prozent.) Der Musikstil sei bereits vor der Revolution entstanden – 2007/8 – und sei anfangs die Musik der Arbeiterklasse gewesen, die auf der Straße und auf Hochzeiten in Orten Kairos gespielt wurde, die nicht repräsentativ für die ägyptische Gesellschaft als Ganzes stünden. Erst mit der Revolution habe sich ein Raum aufgetan, der die Klassenschranken überwand. Während die Medien den Mahragan zuvor ignorierten, eroberte er in den letzten Jahren nicht nur die „Straße“, sondern auch die (Massen-)Medien. Mohammed Abdelmageed M. Hussien erklärte, dass Electro Sha'abi eine Fusion aus elektronischen Einflüssen und dem älteren Sha'abi (eine ägyptische Volksmusik) sei, der auch in seiner Heimat Oberägypten üblicherweise auf Hochzeiten gespielt werde. Er sei die Musik der einfachen Leute und ihrer Geschichten, in der Regel sei er weder kulturell bildend noch politisch. Aus dem Publikum wurde darauf hingewiesen, dass der Electro Sha'abi sich klar von dieser Tradition abhebe und zu einer durchaus kritischen „Stimme der Armen“ geworden sei. Er stehe für die Dynamik der aktuellen ägyptischen Gesellschaft. Der Frage, ob der Mahragan mit ähnlichen Phänomenen wie dem Gangster Rap in den USA oder Baile Funk in Brasilien vergleichbar sei und ob er Teil einer globalen Bewegung sei, konnte nur in Teilen zugestimmt werden. Alle drei wurden im Rahmen einer Repressionsgeschichte entwickelt und es gebe viele gemeinsame Motive wie Drogen, Gewalt, Sex oder in manchen Fällen auch Politik. In Ägypten gebe es jedoch die revolutionäre Komponente. Der Mahragan passe dadurch besser zu Hip Hop und Blues, die zur Emanzipationsgeschichte des US-amerikansichen Civil Rights Movement gehören. Auf die Frage, wie es um den Mahragan nach dem Militärcoup stehe, betonte Ahmed Awadalla, dass die Musik immer noch präsent sei. Momentan finde jedoch eine Debatte statt, ob sie Gewalt und Drogenmissbrauch fördere (genauso wie bei den populären Sobky-Filmen). Es gebe immer mehr Verbote. Darauf, dass das Besingen von Drogen in Ägypten historisch nichts Neues ist, wurde aus dem Publikum mit einem Verweis auf Texte aus den 1920er Jahren angemerkt. Der als Tradition verklärte Sha'abi sei in Wirklichkeit ein junges Phänomen aus der Zeit der politischen und ökonomischen Transformation in den 1970ern. Ein weitere Einwurf aus dem Publikum wies auf die Paradoxie hin, dass die provokanten Texte und Auftritte des Electro Sha'abi ausgerechnet in den Armenvierteln entstanden, wo sich gleichzeitig konservative und islamistische Bewegungen ausbreiten. Mohammed Abdelmageed M. Hussien erklärte dies damit, dass die Armenviertel prekäre Orte seien, in denen momentan alles ständig neugeformt werde. Deshalb gebe es derartige, durchaus konfliktträchtige Entwicklungen. Passend zum Thema unseres kommenden Film- und Diskussionsabend am 9. Dezember entspann sich eine rege Diskussion um die im Film fehlende Präsenz der Frauen: „Warum treten Männer und Frauen immer in getrennten Gruppen auf? Gibt es die neue Freiheit auch für Frauen? Wollen sie nicht sprechen?“ Aus dem Publikum wurde angemerkt, dass es in der MENA-Region das Konzept gebe, „dass alles aufgeteilt werden kann“. Es werde dort als normal hingenommen, dass Frauen und Männer sich nicht vermischen, sondern auf Distanz zueinander bleiben. Dies heiße aber nicht zwangsläufig, dass Frauen unterdrückt sind. Vielmehr hätten sie eine eigene Lebenssphäre, die im Film einfach nicht gezeigt werde. Der Film zeige nur die Jungs und damit nicht ein Bild der ganzen Gesellschaft. Von einer weiteren Kommentatorin wurde darauf hingewiesen, dass es sogar gefährlich sein könne, diese unsichtbaren Grenzen zu überschreiten. Besonders Mädchen und Frauen seien dann von Belästigungen oder Schlimmerem bedroht. Auch wurde angemerkt, dass in den oberen Gesellschaftsschichten Ägyptens und auf Popmusikfestivals beide Geschlechter zusammen tanzen und es diese strenge Separation nicht gebe. In der Öffentlichkeit der Armenviertel sei allerdings auffällig, dass nur die jungen Männer die Chance ergriffen, öffentlich zu sagen, was sie wollen. Als abschließender Hinweis wurde noch vermerkt, dass es auch öffentliche Mahragans von und für Frauen gebe, diese seien aber weder groß noch berühmt. Hier ein paar Beispiele: Unser Gast Ahmed Awadalla bloggt. Kurzbiografie der Regisseurin Hind Meddeb Musiktipps aus dem Publikum Filmbesprechung auf norient Veranstaltungsleitung und Moderation: Andreas Fricke Koordination vor Ort: Andreas Fricke Text: Steffen Benzler Fotos: Jana Vietze Übersetzung ins Englische: Alex Odlum Programm: das ehrenamtliche 14km Film Team Die 14km Film- und Diskussionsreihe wird 2015 mit Haushaltsmitteln des Landes Berlin – Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit – gefördert. Thema des nächsten Film- und Diskussionsabends am 9. Dezember werden Frauenrechte in Nordafrika sein. Infos zum Termin und gezeigten Film "Die Quelle der Frauen" gibt es hier. Übersicht der 14km Film- und Diskussionsabende 2015 Wir bedanken uns für die Unterstützung:


Sprachen lehren, Welten eröffnen

Zwischenbericht von Felix bei Social Voluntary Services in Casablanca

"Good morning Feliiiiix" - sobald ich es 20-mal gehört habe, weiß ich mit Sicherheit, dass mein Arbeitstag nun startet.  Um 08:30 Uhr beginne ich, Felix (18) aus Brandenburg, an der "Ecole ESSALAH privée" in Casablanca den Unterricht, zusammen mit meiner marokkanischen Kollegin Fatima.  3 Stunden Unterrichtszeit haben wir jeden Vormittag, um die 5jährigen der "Grand Section de la Maternelle" auf die kommenden Jahre in der Schule vorzubereiten. Fatima ist Französischlehrerin und damit steht auch fest, welche Sprache im Klassenraum gesprochen wird.  Französisch ist die erste Fremdsprache für die Kinder und extrem wichtig für eine erfolgreiche Zukunft in Marokko.  Da zu Hause arabisch gesprochen wird, schicken die Eltern ihre Kinder in die Vorschule, um ihnen den Einstieg in die Schule später so einfach wie nur möglich zu machen. So üben wir jeden Morgen alles, was wichtig ist - die Zahlen, das Schreiben der lateinischen Buchstaben, die Farben, kurze Dialoge und jede Menge Substantive.  Eine ganze Menge für 5jährige, aber jeder erfolgreiche Satz zu uns Lehrern oder den anderen Kindern macht Spaß.  Dass Französisch wichtig ist merkt man schnell - da ich kein Arabisch spreche, bleibt den Kindern auch gar nichts anderes übrig, als sich auszuprobieren. Doch seit vier Wochen haben Sie noch eine weitere Option: Neben dem Französischunterricht bekomme ich jeden Tag 30 Minuten für Englischunterricht.  Für jeden, der davon träumt die Welt zu entdecken, absolut notwendig! Und so versuche ich jeden Tag 20 Fünfjährigen durch gemeinsames Wiederholen, singen von Liedern und Ratespielen die englische Sprache nahe zu bringen. Wohnen tue ich in Sbata, einem noch sehr traditionell geprägtem Viertel der Acht-Millionenstadt Casablanca.  Für mich Europäer ist das öffentliche Leben hier ein einziges Chaos, doch wie mein 19-jähriger Gastbruder lieben die meisten Einwohner ihre Stadt.  Und auch mir gefallen die verrückten Leute in den kleinen Gassen und auf dem riesigen Markt vor meiner Haustür mehr und mehr.  Und falls doch mal alles zu viel wird, bleibt auch immer noch das Wochenende, an dem ich stets durch das Land reise.  In den ersten Wochen noch stark unterstützt von meiner Aufnahmeorganisation SVS, fühle ich mich mittlerweile in der Lage, auch alleine zu reisen.  Mit meinem noch ausbaufähigen Französisch ist jedes Wochenende ein Abenteuer - Spaß macht es aber immer :)


Frauen-Rechte in Nordafrika

14km Film- und Diskussionsreihe

„Die Quelle der Frauen“ (Spielfilm, Belgien/Italien/Frankreich 2011, OmU, 125 min) von Radu Mihaileanu am Mittwoch, 09. Dezember 2015 um 18:00 Uhr im Filmrauschpalast, Lehrter Straße 35, 10557 Berlin-Moabit 14km e.V. präsentiert den achten Filmabend der '14km Film und Diskussionsreihe' 2015: Der Film „Die Quelle der Frauen“ (Arabisch mit deutschen Untertiteln) spielt in einem Dorf in Nordafrika. Regisseur Radu Mihaileanu zeigt die Tradition, die den Frauen auferlegt, mühsam Wasser von der Quelle über Bergpfade ins Dorf zu schleppen. Als die Frauen nun jedoch beginnen dagegen zu protestieren und nach einer Wasserleitung verlangen, entwickelt sich ein Konflikt um Macht, Tradtion und Religion – und besonders um die Rolle der Geschlechter. Im anschließenden Publikumsgespräch mit geladenen Gästen wird die Rolle von Frauen und der Kampf um Frauenrechte in den Ländern und Gesellschaften Nordafrikas diskutiert. Die Teilnahme ist frei, um eine freiwillige Spende wird gebeten. Facebook-Event Veranstaltungsort ist der Filmrauschpalast in der 1. Etage des Hinterhofs der Kulturfabrik in Berlin Moabit: Lehrter Straße 35, 10557 Berlin. Filmseite des Verleihs Die 14km Film- und Diskussionsreihe wird 2015 mit Haushaltsmitteln des Landes Berlin – Landesstelle für  Entwicklungszusammenarbeit - gefördert. Dies ist der letzte von acht 14km Film- und Diskussionsabenden 2015. Die Veranstaltungen widmen sich einem einzelnen Land oder einem spezifischem Thema, um mittels eines aktuellen Films einen künstlerisch-dokumentarischen Einblick zu ermöglichen. Anschliessend wird das Thema in einem offenen Publikumsgespräch mit einer Person aus Berlin mit persönlichen Erfahrungen (Zeitzeuge, Migrationshintergrund) sowie einer Referent/in aus der Wissenschaft intensiv erörtert werden, immer auch mit Bezug zu Nord-Süd-Verhältnissen. Wir bedanken uns für die Unterstützung:


„Die Zeit vergeht wie im Fluge“

Zwischenbericht von Dayala bei CSM

Seit dem 12. Oktober bin ich nun in Rabat, wo ich für anderthalb Monate in einem Projekt der NGO Chantiers Sociaux Marocains (CSM) arbeite. CSM ist eine gemeinnützige Organisation mit Hauptsitz in Rabat, die verschiedene Projekte in ganz Marokko organisiert beziehungsweise Freiwillige in bestehende Projekte vermittelt, so wie es bei mir der Fall ist. Ich arbeite hier für sieben Wochen im Centre Lalla Meriem, einem Heim für Kinder- und Jugendliche mit und ohne Behinderungen. Mit den anderen marokkanischen Praktikantinen Die meiste Zeit arbeite ich auf der Station mit den Allerkleinsten, den Babys bis circa 2 Jahre. Der Jüngste war zu Beginn meiner Arbeit erst zwei Wochen alt! Die Pflegekräfte sind alle sehr freundlich und die Atmosphäre ist sehr angenehm. Mein Arbeitsalltag besteht meistens aus Flasche geben, wickeln, kuscheln, spielen, ... bei knapp 20 Babys gibt es immer was zu tun. Neben den festen Pflegekräften und Ärztinnen arbeiten dort auch noch andere Praktikantinnen und Freiwillige, die meisten aus Marokko. Neben der Arbeit im Centre Lalla Meriem bin ich häufig im Büro von CSM, das - genauso wie der Centre - sehr zentral in Rabat gelegen ist. Centre Lalla Meriem Die Mitarbeiter sind alle sehr nett und ich habe von ihnen schon viel über die marokkanische Kultur lernen können. Manche der Mitarbeiter wohnen auch im Büro und von daher ist das Büro ein beliebter Treffpunkt für Gemeinschaftsaktionen. Häufig wird zusammen gekocht und gegessen - meistens Tajine, das marokkanische Nationalgericht. Neben mir sind zur Zeit auch noch weitere Freiwillige aus Frankreich, Italien und Deutschland da und eine spanische Mitarbeiterin, die nach einem Freiwilligendienst mit CSM nun fest für die Organisation arbeitet. Manche bleiben so wie ich nur ein paar Monate in Marokko, andere ein ganzes Jahr. Vor zwei Wochen sind wir alle gemeinsam übers Wochenende in den Norden Marokkos verreist - nach Chefchaouen, Tetouan und Fnideq. Im Kandora - das marokkanische Gewand für Zuhause Gemeinsam mit einer anderen deutschen Freiwilligen wohne ich in einer Gastfamilie in der Nachbarschaft Youssoufia. Die Gastfamilie ist sehr lieb und ich fühle mich sehr wohl. Mit dem Petit oder Grand Taxi ist man jederzeit auch schnell in der Innenstadt. Die Taxis fahren von den Taxistationen aus feste Strecken in die anderen Teile von Rabat und funktionieren wie eine Art Shuttlebus - eine Fahrt kostet im geteilten Taxi 5 Dirham (~50 Cent). Die blauen Petit Taxis nehmen im Shuttleverkehr immer drei Fahrgäste mit und sind deshalb wesentlich komfortabler, allerdings fahren sie weniger Strecken ab. Die weißen Grand Taxis, die zwar so heißen, aber eigentlich kaum größer sind, nehmen dafür immer 6 Passagiere mit und fahren auch mehr Strecken ab. Zwei Personen teilen sich den Beifahrersitz vorne, vier weitere quetschen sich hinten auf die Rückbank. Natürlich kann man, wenn man es ganz bequem möchte, sich auch jeder Zeit ein blaues Petit Taxi an der Straße heranwinken und an jedes beliebige Ziel fahren lassen, aber alleine zahlt man dann eben auch den vollen Fahrpreis - und verpasst jede Menge lustige und interessante Begegnungen, die eine Fahrt im Grand Taxi mit sich bringt. Ich bin schon gespannt, was meine restliche Zeit in Marokko noch für Erlebnisse bereithält und bin sehr froh und dankbar dafür, dass ich die Chance hatte, hierher zu kommen. Vielen Dank 14 km e.V. für die Vermittlung dieses Aufenthalts! Tajine zum islamischen Neujahr bei CSM


Das lang ignorierte Vorspiel zur europäischen Flüchtlingsproblematik

Filmvorführung "14 KILOMETER - Auf der Suche nach dem Glück"

Tausende von Flüchtlingen überqueren momentan täglich die Grenze nach Deutschland und suchen nach einer sicheren Bleibe. Daran, dass diese Situation in Europa nichts Neues ist, erinnert unser 6. Film- und Diskussionsabend 2015 mit Gerardo Olivares' Film „14 Kilometer – Auf der Suche nach dem Glück“ und Harald Glöde von Borderline Europe auf dem Podium. Drei Flüchtlinge – Violeta aus Mali sowie die zwei Brüder Buba und Mukela aus Niger – begleitet der semi-dokumentarische Film „14 Kilometer – Auf der Suche nach dem Glück“ auf ihrem beschwerlichen Weg nach Europa. Es zeichnet sich früh ab, dass die drei bei jeder Gelegenheit über den Tisch gezogen werden. Mit der Ankunft in Agadez beginnt für sie der knallharte Flüchtlingsalltag. Als Passagiere auf einem maximal beladenen Lkw in Richtung algerische Grenze werden sie von willkürlich agierenden Kontrollposten und korrupten Grenzbeamten schikaniert. Geht den Flüchtenden das Geld aus, müssen sie sich mit niedrigsten Arbeiten über Wasser halten, um sich irgendwann die Weiterreise leisten zu können. So gerät die ursprünglich vor einer Zwangsverheiratung geflohene Violeta mehrmals in Situationen sexueller Ausbeutung. Ausbeutung, Lebensgefahr und ein unbändiger Wille In der Wüste Ténéré, im Norden Nigers, stoppt der Lkw. Auf die drei ins algerische Tamanrasset Weitereisenden wartet ein vierstündiger Fußmarsch durch die Wüste („Richtung Nordwesten“), während der Lkw in eine andere Richtung weiterfährt. Die drei Hauptakteure freunden sich an – und sie verirren sich. Statt den angepeilten Grenzort zwischen Niger und Algerien zu erreichen, laufen sie im Kreis, bis sie erschöpft im Schatten einiger Akazien zusammenbrechen. Für Mukela kommt jede Hilfe zu spät, Violeta und Buba werden in letzter Minute von zwei zufällig vorbeiziehenden Tuareg gerettet. Die bedingungslose Gastfreundschaft der traditionell lebenden Nomaden bietet die einzige Verschnaufpause auf dem Weg nach Europa. Weiter geht es über die algerisch-marokkanische Grenze, die nach mehreren Versuchen und dank einer chaotischen Bürokratie überquert werden kann. In Marokko zeigt der Film zum ersten Mal eine staatliche Autoritätsperson, die die missliche Lage der Flüchtlinge nicht ausnutzt und sogar hilft. In Tanger bezahlen Buba und Violeta mit ihrem letzten Geld einen nobel gekleideten Schleuser für die Bootsfahrt über die Meerenge von Gibraltar. Nach der gelungenen Überfahrt, bleibt ihnen nicht viel Zeit zur Freude. Verfolgt von der Polizei verstecken sie sich zunächst in den Wäldern, bis sie bemerken, dass auch die Beamten der Guardia Civil gerne Mal ein Auge zudrücken. Die Flüchtlinge können unbehelligt weiterreisen. Vor ihnen steht eine ungewisse Zukunft. Der 2008 gedrehte Film zeigt das lang ignorierte Vorspiel zur aktuellen europäischen Flüchtlingsproblematik. Die letzte Szene beschreibt die heutige Situation an Europas Außengrenzen sehr treffend. Die Fluchtrouten haben sich geändert, die Fluchtgründe bleiben dieselben Dass der Film sehr realitätsnah ist, bestätigte Harald Glöde von Borderline Europe, der im anschließenden Publikumsgespräch den Film in den aktuellen Kontext einordnete. Die im Film gewählte Route werde laut Glöde nur noch selten eingeschlagen, da Marokko strenger kontrolliere und Kriegsschiffe von Frontex die Meerenge von Gibraltar und die Kanarischen Inseln abriegeln. Trotzdem gebe es in den Bergen um die mit hohen NATO-Stacheldrahtzäunen eingehegten Enklaven Ceuta und Melilla tausende Flüchtlinge, die regelmäßig Massenaktionen planen, bei denen in der Regel einige wenige erfolgreich über die Zäune kämen. Wegen der schwachen staatlichen Strukturen und den gefährlichen islamistischen Milizen, kämen kaum Flüchtlinge über Algerien und Mali. Die Hauptroute aus dem subsaharischen Raum verlaufe heutzutage von Agadez direkt nach Libyen, wo sich Milizen über Schleusergeschäfte finanzieren. Laut Sea-Watch gebe es in Libyen zwei wohlbekannte Auslaufpunkte, an denen Europa humanitär helfen könnte, es aber unterlässt. Über diese Wege dürften die rund 150.000 Flüchtlinge in Italien gekommen sein. Mit 450.000 Flüchtlingen sei allerdings Griechenland für viele die erste Anlaufstelle in der EU. Zum einen liege das daran, dass dort die Dublin-Regel außer Kraft gesetzt ist, Flüchtlinge können weiterreisen. Andererseits habe das auch mit der Nähe zur Türkei zu tun, die selbst schon Millionen Syrer aufgenommen hat. Neue syrische Flüchtlinge gingen lieber nach Europa. Viele Alternativen hätten sie nicht. In Nordafrika gebe es nur in Marokko – über das UNHCR – die Möglichkeit zu einer legalen Bleibemöglichkeit. Algerien, Tunesien, Libyen, und Ägypten böten keine Asylverfahren. Als Entrechteten und rassistisch Diskriminierten bliebe den Flüchtlingen dort lediglich ein prekäres Leben als billige Arbeitskräfte für Landwirtschaft, Gastronomie, etc. Auch reichere arabische Staaten wie Kuweit und Saudi-Arabien zeigten kein Interesse an einer Aufnahme der Geflohenen. Im Gegensatz zu den Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien seien die Fluchtgründe aus Subsahara-Afrika hauptsächlich in den fehlenden Zukunftsperspektiven zu finden. Zum Teil sei das europäische Flüchtlingsproblem hausgemacht, wenn man die Fischereiabkommen mit afrikanischen Staaten, sowie die Logik z.B. des Milchpulver- und Fleischexports bedenke. Dazu komme der Klimawandel, der den Menschen die Existenzgrundlagen entziehe. Deshalb seien die Hauptherkunftsländer von Flüchtlingen neben den bekannten Ländern Syrien, Eritrea, Afghanistan, Pakistan, Irak und Somalia eben auch Staaten wie der Tschad, Nigeria, Ghana oder Kenia. Militärische, humanitäre und politische Maßnahmen Auf die Frage, ob es möglich sei, Fluchtwege sicherer zu gestalten, wies Glöde darauf hin, dass dieses Ziel mit den momentan in der Politik debattierten Maßnahmen verfehlt würde. Stattdessen werde Symbolpolitik betrieben. Weder von der EU finanzierte Lager in Nordafrika, noch Asylzentren in Griechenland und Italien würden das Problem lösen. Man könne Flüchtlinge nicht „wie Pakete zwischenlagern“, wurde aus dem Publikum zugestimmt. Die Aushandlung eines europäischen Verteilungsschlüssels für 100.000 Flüchtlinge ist für Glöde in Anbetracht der Gesamtzahlen ein Witz und indem man Staaten, in denen systematische Ausgrenzung und Elend herrschen, zu sicheren Drittstaaten erkläre, beseitige man keine Fluchtgründe. Gleichsam wies er darauf hin, dass die EU-Außengrenzstaaten schon seit Jahren das Dublin-System reformieren wollten, dies aber immer von der deutschen Politik abgelehnt wurde. Deutschland konnte es sich dank seiner Mittellage bequem machen, während Spanien, Griechenland, Ungarn und Italien auf sich allein gestellt waren. Erst jetzt, wo es selbst betroffen sei, poche Deutschland auf Reformen. Die einzige Lösung, um der Situation langfristig die Dramatik zu nehmen, sei die Schaffung legaler Zuwanderungswege für Flüchtlinge. Ein weiteres Beispiel für Symbolpolitik sah Glöde in der Umbenennung der European Union Naval Force – Mediterranean (EU NAVFOR Med) in „Operation Sofia“ – nach dem Mädchen, das am 22. August 2015 bei einer Rettungsaktion vor der libyschen Küste auf einem Militärschiff zur Welt gekommen ist. Es sei der Versuch der militärischen Operation gegen Schleuserbanden einen humanitären Anstrich zu verleihen. Sie teile sich in drei Phasen: 1. Aufklärung, 2. Umleitung/Beschlagnahmung und 3. Zerstören der Schleuserboote (in Libyen). Phase 2 sei im Oktober 2015 eingetreten, für die dritte sei noch kein Datum absehbar. Neben den Einsätzen von Frontex und den Küstenwachen seien von zivilgesellschaftlicher Seite ein Schiff von Seawatch, zwei Schiffe von Ärzte ohne Grenzen sowie ein Schiff einer maltesischen Millionärsfamilie explizit zur Seenotrettung unterwegs. Motive der Flüchtlingspolitik Gefragt, ob die Brandstiftungen und Pegida sich negativ auf die Arbeit mit Flüchtlingen auswirken, erklärte Glöde, dass das Pendel in beide Richtungen ausschlage. Man müsse die unerwartet große Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung würdigen, „Pegida ist ein sächsisches Problem“. Dass allerdings die Politik die Lage zum Stimmenfang ausnutze, um repressivere Maßnahmen einzuleiten, sei „Lichtjahre entfernt von der Willkommenskultur, die in der Zivilgesellschaft gelebt wird“. Angela Merkels Bekenntnis zu einer Aufnahme der Flüchtlinge aus Ungarn müsse man im außenpolitischen Kontext sehen, es gehe um internationales Prestige, um das Ansehen Europas und Deutschlands als Führungsnation in Europa.   Presseheft zum Film Filme zum Thema MIGRATION in der 14km Filmdatenbank   Veranstaltungsleitung und Moderation: Andreas Fricke Koordination vor Ort: Andreas Fricke Text: Steffen Benzler Fotos: Jana Vietze Übersetzung: Alex Odlum Programm: das ehrenamtliche 14km Film Team Am 11. und 12. Juli 2014 hat 14km e.V. auf der Fachkonferenz zum Thema “Flucht // Migration // Entwicklung” mit Wissenschaftler/innen, Diasporaorganisationsvertreter/innen, Menschenrechtsaktivist/innen und interessierten Teilnehmer/innen die verschiedenen Facetten der Migration zwischen Nordafrika und Europa diskutiert. Den Verlauf der Fachtagung sowie die Protokolle der Diskussionen und weitere interessante Downloads gibt es hier. Weitergehende Informationen: Nahrain Al-Mousawi (EUME) arbeitet derzeit an einem Buch über Erzählungen von Migranten über die geographischen Sperren Mittelmeer und Sahara. Beide natürlichen Grenzen analysiert sie sowohl als trennend als auch als verbindend für die betroffenen Menschen. Ronja Kempin und Ronja Scheler (SWP 2015): "Migration nach Europa: Mehr außenpolitisches Engagement der EU in ihrer Nachbarschaft nötig" Sabine Riedel (SWP 2015): "Fluchtursache Staatszerfall am Rande der EU - Die europäische Verantwortung" Reiner Klingholz und Stephan Sievert analysieren die steuernden Faktoren der Migration über das Mittelmeer: "Krise an Europas Südgrenze" (Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung 2014) Wolfgang Grenz, Julian Lehmann und Stefan Keßler (BpB 2015): "Schiffbruch - Das Versagen der europäischen Flüchtlingspolitik" Andrea Di Nicola, Giampaolo Musumeci (BpB 2015): "Bekenntnisse eines Menschenhändlers - Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen" Paul Collier (BpB 2015): "Exodus - Warum wir Einwanderung neu regeln müssen" Karl-Heinz Meier-Braun, Reinhold Weber (Hg. / BpB 2014): "Migration und Integration in Deutschland - Begriffe – Fakten - Kontroversen" Wolfgang Bauer (BpB 2015): "Über das Meer - Mit Syrern auf der Flucht nach Europa" Ralph A. Austen (BpB 2014): "Sahara - 1000 Jahre Austausch von Ideen und Waren" Charlotte Wiedemann (BpB 2015): "Mali oder das Ringen um Würde - Meine Reisen in einem verwundeten Land" Dominic Johnson (BpB 2013): "Afrika - vor dem großen Sprung" Die 14km Film- und Diskussionsreihe wird 2015 mit Haushaltsmitteln des Landes Berlin – Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit – gefördert. Thema des nächsten Film- und Diskussionsabends am 18. November wird politische Popmusik in Kairo sein. Infos zum Termin und gezeigten Film "Electro Chaabi" gibt es hier. Weitere Film- und Diskussionsabende sind an folgenden Terminen in Planung: 18. November / 9. Dezember Wir bedanken uns für die Unterstützung:


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