„Unsere Geduld hat bald ein Ende!“

Der vergessene Widerstandskampf der Sahrawis in der letzten Kolonie Afrikas

12. Oktober 2015

In der Westsahara kämpft das Volk der Sahrawis seit Jahrzehnten um seine politische Unabhängigkeit von Marokko. Gegen Vertreibungen und unzählige Menschenrechtsverletzungen durch die marokkanischen Besatzer wehrten sich die Sahrawis erst militärisch, seit einem Friedensschluss 1991 allerdings durch friedlichen Widerstand. Dass der Konflikt um die letzte Kolonie Afrikas international kaum in der Öffentlichkeit diskutiert wird, war ein Beweggrund, ihn zum Thema des fünften Abends der 14km Film- und Diskussionsreihe zu machen.

Mit der Dokumentation „LIFE IS WAITING – Referendum and Resistance in Western Sahara“ gibt die brasilianische Filmemacherin und politische Aktivistin Iara Lee dem Wüstenvolk der Sahrawis und ihrem fast vergessenen Kampf um nationale Selbstbestimmung eine Stimme. Der Film blickt auf die Geschichte des über 40 Jahre andauernden Konflikts im nordwestlichen Afrika und zeigt die Lebensumstände und den gewaltlosen Widerstand der Bewohner Westsaharas.

4Als sich die Kolonialmacht Spanien 1975 aus dem Gebiet zurückzieht, marschieren marokkanische und mauretanische Truppen ein, um das rohstoffreiche Territorium völkerrechtswidrig zu besetzen. Wenig später ruft die sahrawische Befreiungsbewegung Frente Polisario die unabhängige „Demokratische Arabische Republik Sahara“ aus und es kommt zum Krieg. Mauretanien zieht sich 1979 zurück, doch Marokko gibt seine Gebietsansprüche nicht auf. Zehntausende Sahrawis sind gezwungen, vor den marokkanischen Napalm- und Phosphorbomben ins algerische Exil zu fliehen, wo sie zum Teil bis heute in Flüchtlingslagern leben und durch eine über 2.700 km lange verminte Maueranlage abgeschottet sind.

Obwohl es 1991 offiziell zum Waffenstillstand kommt, ist der Konflikt alles andere als gelöst. Die von den Vereinten Nationen eingesetzte Friedensmission MINURSO, die den Waffenstillstand und die Durchführung eines Referendums sicherstellen soll, ist gescheitert. Das Referendum ist bis heute ausgeblieben. Stattdessen nimmt die alltägliche Gewalt der marokkanischen Truppen gegen die Sahrawis zu. Doch diese wehren sich.

Der Film lässt die vielen sahrawischen Aktivisten zu Wort kommen, die durch Kunst und politische Aktionen ihren Widerstand ausdrücken. So wie der junge Rapper Flitoox Craizy. Selbstbewusst rappt er in die Kamera, singt von Freiheit und Frieden. Obwohl er von der marokkanischen Polizei schlimm gefoltert wurde, setzt er sich weiter für die Rechte seines Volkes ein. Ebenso Aminatou Haidar, die wohl bekannteste sahrawische Menschenrechtsaktivistin. Sie wurde bei einer Demonstration verhaftet und über vier Jahre lang in einem marokkanischen Gefängnis gefoltert. „Meine Kinder können ohne Eltern aufwachsen, aber nicht ohne Würde“, begründet sie ihren Kampf für Gerechtigkeit und Unabhängigkeit ihrer Heimat.

2Der Film ist der kürzlich verstorbenen, sahrawischen Sängerin Mariem Hassan gewidmet, die „Stimme der Sahara“. Sie begleitete ihr Volk über Jahrzehnte mit Liedern über den Widerstand, Geschichten vom Alltag im Exil und der Identität der Sahrawis. Sie ist ein Beispiel dafür, wie kunstvoll sich politischer Widerstand ausdrücken kann und welch starke Rolle die sahrawischen Frauen im Kampf gegen die Besatzung ihres Heimatlandes einnehmen. Im Film wird sehr deutlich, dass die Sahrawis ein sehr stolzes Volk sind, dessen kollektive Identität sich stark auf ihren Widerstand gegen die Besatzer gründet.

Der Film beschreibt anschaulich den Widerstandskampf der Sahrawis. In der anschließenden Publikumsdiskussion werden weitere wichtige Fragen zu den Hintergründen des Konfliktes und der Zukunft Westsaharas thematisiert. Vor allem geht es um die Verantwortung Europas und der internationalen Gemeinschaft.

C3Saleh Mustapha ist Aktivist aus Westsahara. Geboren im Flüchtlingslager Smara in der algerischen Wüste, lebt er heute als Student in Berlin. Er betont, dass die Vereinten Nationen ihre Verantwortung in der Konfliktlösung nicht wahrnehmen würden. Dass die sahrawischen Flüchtlingscamps in Algerien von UNHCR und vom Word Food Programme versorgt werden, solle nicht darüber hinwegtäuschen, dass für die Sahrawis nicht einmal fundamentale Menschenrechte gelten würden. Internationale Menschenrechtsorganisationen beklagen seit Jahren, dass Sahrawis Misshandlungen, Folter und Tod in Gefängnissen sowie der Gefahr durch Detonation von Landminen ausgesetzt seien. Dazu kommen viele Berichte über willkürliche Verhaftungen von Aktivisten, Einschränkungen der Versammlungs- und Rede- sowie der Bewegungsfreiheit. Saleh Mustapha spricht außerdem die hohe Zahl an verschwundenen Personen und politischen Gefangenen in marokkanischen Gefängnissen an. Da die Friedensmission MINURSO kein Mandat zur Überwachung der Menschenrechte habe, blieben die Vergehen der marokkanischen Sicherheitskräfte ungestraft.

Bettina Semmer, Künstlerin aus Berlin, die die Westsahara durch mehrere Besuche und Kunstprojekte kennt, betont die wirtschaftlichen Interessen der Europäischen Union und insbesondere das Interesse Frankreichs und Spaniens an einem guten Verhältnis zu Marokko. Der von Marokko besetzte Westen des Territoriums liegt an der fischreichen Atlantikküste und hat viele Bodenschätze, vor allem Phosphat. Frankreichs Veto im UN-Sicherheitsrat sei folglich auch der Grund, weshalb das Mandat der UN-Mission MINURSO nicht ausgeweitet würde, um Verstöße gegen Menschenrechte zu dokumentieren.

12Schnell kommt die Frage nach den Parallelen zum Palästinensischen Widerstandskampf gegen die israelische Besatzung auf. Doch anders als die Palästinenser erfahren die Sahrawis bei Weitem nicht soviel Aufmerksamkeit für ihr Unabhängigkeitsbestreben. Die Gründe für das Desinteresse der Weltgemeinschaft sieht eine Sahrawi aus dem Publikum im Wunsch des Westens, Marokko stabil zu halten und darin, dass die Sahrawis ihren Widerstand gewaltlos zum Ausdruck bringen. Nicht kämpferisch, sondern frustriert sagt sie: „Solange Bomben nicht explodieren und nicht gekämpft wird, schaut doch keiner hin.“ Sie betont auch, dass viele der jungen Menschen in den besetzten Gebieten nicht mehr warten könnten.

Denn die Lebensbedingungen der meisten Sahrawis sind schlecht. In Westsahara leben etwa 540.000 Sahrawis; im Exil leben Schätzungen zufolge zwischen 210.000 und 420.000 (v.a. in Marokko und Algerien). Über 60 Prozent der Bewohner der Camps sind Jugendliche und junge Erwachsene. Auch Saleh Mustapha spricht über die schlechten Bedingungen in den Camps. Wie er selbst, studieren die meisten Sahrawis im Ausland, in Algerien, Kuba oder Spanien. Doch wenn sie zurückkommen, gibt es keine Jobs für sie. Die Perspektivlosigkeit und Isolation in den Camps, die Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft und das veränderte politische Klima in Nordafrika nach dem Arabischen Frühling sind es, die viele über die Rückkehr zum bewaffneten Kampf nachdenken lassen. „Das sahrawische Volk muss sich entscheiden. Es muss sich entscheiden, ob es wieder Krieg führen will oder nicht. Wenn wir keinen Krieg führen, werden vielleicht noch weitere vierzig Jahre vorübergehen.“, sagt eine sahrawische Aktivistin im Film. Doch Saleh Mustapha warnt vor einer Radikalisierung des Konflikts und verweist dabei auf den Nahen Osten, wo wie in Syrien ein jahrelanger Bürgerkrieg entstanden ist.

C1Es scheint keine Lösung in Aussicht für den Konflikt in der letzten Kolonie Afrikas. Die politische Zukunft des umstrittenen Territoriums an der Atlantikküste ist seit Jahren ungewiss und die internationale Gemeinschaft scheint die Situation der Sahrawis hinzunehmen als Preis für politische Stabilität und wirtschaftliche Interessen in der Region. Doch es gibt auch hoffnungsvolle, selbstbewusste Stimmen. So wie die Saleh Mustaphas, der betont, dass internationale Unterstützung sehr wichtig sei. „Ohne internationale Solidarität wären unsere Stimmen nicht hörbar in der Welt!“, betont Saleh. Nur mit gewaltlosem Widerstand solle der Konflikt für die Weltöffentlichkeit sichtbar gemacht werden. Fraglich ist nur, wie lange die Sahrawis in ihrem friedlichen Kampf noch ausharren können.

Wir bedanken uns bei unseren Gästen Bettina Semmer und Saleh Mustapha, die mit ihren spannenden und persönlichen Eindrücken zu einer sehr interessanten Veranstaltung über die Situation in Westsahara beigetragen haben.

C2Veranstaltungsleitung und Moderation: Silvia Limiñana und Andreas Fricke

Koordination der Filmreihe: Andreas Fricke

Text: Carolin Bannorth

Fotos: Andreas Fricke und Carolin Bannorth

Organisation: das ehrenamtliche 14km Filmteam

Die 14km Film- und Diskussionsreihe wird 2015 mit Haushaltsmitteln des Landes Berlin – Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit – gefördert.

Weitere Film- und Diskussionsabende sind an folgenden Terminen in Planung:

28. Oktober / 18. November / 9. Dezember

Wir bedanken uns für die Unterstützung:

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For decades, the Sahrawi have been fighting for political independence from Morocco. Faced with numerous expulsions and countless human rights violations at the hands of the Moroccan occupying power, the Sahrawi have fought for their rights, first militarily, and since the signing of a peace agreement in 1991, through peaceful resistance. The fact that this long-standing conflict over the last colony in Africa is so rarely given attention in the international media was a key motivation to highlight the issue for this fifth evening of 14km’s Film and Discussion Series.

With her documentary, “Life is waiting – referendum and resistance in Western Sahara,” Brazilian film maker and political activist, Iara Lee, sheds light on the Sahrawi desert people and their almost forgotten struggle for national self-determination. The film explores over 40 years of history in north-west Africa, and highlights the living conditions of the people of Western Sahara along with their form of non-violent resistance.

4When Spain, after having ruled the territory as a colonial power, withdrew in 1975, both Morocco and Mauritania rushed in to occupy the resource rich country in violation of international law. A Sahrawi liberation and independence movement – the Polisario Front – soon emerged, calling and taking up arms for an independent “Sahrawi Arab Democratic Republic.” Whereas Mauritania withdrew its troops in 1979, Morocco did not abandon its territorial claims. Moroccan napalm and phosphorous bombs saw tens of thousands of Sahrawi flee into exile in Algeria, where they remain to this day in refugee camps, separated from their homeland by over 2,700km of walls and minefields.

Despite the signing of a ceasefire agreement in 1991, the conflict remains far from resolved. UN MINURSO, the international peacekeeping mission established to ensure the ceasefire held and pave the way for a referendum, has largely failed. So far, no referendum has been held. Instead, Moroccan troops have increased daily attacks on the Sahrawi, who have in turn fought back.

The film gives a voice to many Sahrawi activists who express their opposition through art and political action. Take the young rapper, Flitoox Crazy, for example, who raps confidently about freedom and peace. Undeterred despite being severely tortured at the hands of the Moroccan police, he continues to fight for the rights of his people. Similarly, the film introduces us to Aminatou Haidar, perhaps the most well known Sahrawi rights activist. After being arrested during a demonstration, Haidar spent over four years in a Moroccan prison, suffering torture. “My children can grow up without parents, but not without dignity,” she says, explaining the struggle for justice and an independent homeland.

2The film is dedicated to the late Sahrawi singer, Marien Hassan – the “Voice of the Sahara.” For decades, her songs of resistance about everyday life in exile and Sahrawi identity touched close to the hearts of her people. She exemplified the power of art in expressing political resistance and highlighted the strong role Sahrawi women play in the struggle against the occupation of their homeland. The film makes it clear that the Sahrawi are a proud people, brought even closer together by a collective identity based on their common resistance against the occupiers.

We witness a vivid description of Sahrawi resistance struggle in the film. The public discussion following the film gave rise to more important questions about the background and nature of the conflict, and the future of Western Sahara. The responsibility of Europe and the international community was a particularly salient topic.

C3Saleh Mustapha is an activist from Western Sahara. Born in Smara refugee camp in Algeria, he is currently living as a student in Berlin. He stressed the fact that the United Nations has failed to fulfil its responsibilities in mediating a resolution to the conflict. For him, UNHCR’s support and WFP’s food assistance to the Sahrawi refugee camps in Algeria should not obscure the fact that the Sahrawi’s fundamental rights continue to be denied. International human rights organisations have been consistently complaining of the Sahrawi’s mistreatment, torture and even death in detention, as well as the ever-present danger of landmines. Reports of arbitrary arrests of Sahrawi activists, and restrictions on freedoms of assembly, speech and movement are also frequent. Saleh Mustapha reminded the audience of the high numbers of missing persons and political prisoners locked up in Moroccan prisons. Without a mandate to monitor human rights violations, the MINURSO peacekeeping mission is impotent and the violations of Moroccan security forces will continue to go unpunished.

Berlin artist, Bettina Semmer, who has come to know Western Sahara through multiple visits and art projects, emphasised the role of European economic interests, and in particular, the economic importance to France and Spain of maintaining good relationships with Morocco. The western areas occupied by Morocco are located along the fishing-rich Atlantic coast, and also boast important minerals, especially phosphate. France’s veto power on the UN Security Council was seen as a key reason as to why MINURSO’s mandate was watered down to remain silent on the issue of documenting human rights violations.

12Parallels with the Israeli occupation of the Palestine and the resistance struggle there are readily apparent. The independence struggle of the Sahrawi, however, has gained far less attention. One Sahrawi audience member explained that the lack of international interest comes from the West’s interest in a stable Morocco and containing the Sahrawi movement to one of non-violent resistance. Frustrated, she lamented: “So long as there are no bombs exploding and no fighting, nobody looks any further.” But she warned that patience among the youth of the occupied territories is wearing thin.

Living conditions of the Sahrawi are poor. About 540,000 Sahrawi live in Western Sahara, with between 210,000 and 420,000 in exile (mainly in Morocco and Algeria). Around 60 per cent of the camps’ inhabitants are teenagers and young adults. Saleh Mustapha spoke of the poor conditions in the camps. Of the Sahrawi who study, most do so abroad like him, predominantly in Algeria, Cuba and Spain. Yet, on their return, there are no jobs. Faced with hopelessness and isolation in the camps, the inaction of the international community and the changing political climate in North Africa after the Arab Spring, many are thinking about returning to armed struggle. “The Sahrawi people must decide whether or not to return to war. Without war, another forty years may pass,” declares a Sahrawi activist in the film. Saleh Mustapha, however, warned against a radicalisation of the struggle, pointing to the Middle East and the civil war in Syria as an example of the dangers of armed conflict.

C1There seems to be no obvious solution to the conflict in Africa’s last remaining colony. Uncertainty over the future of this disputed territory on the Atlantic coast has prevailed for years, and the international community appears to accept the Sahrawi’s situation as the price to pay for maintaining political stability and its economic interests in the region. Nonetheless, there are hopeful, optimistic voices. Saleh Mustapha, for example, stressed the importance of international support. “Without international solidarity, our voices cannot be heard throughout the world,” says Saleh. Only with non-violent resistance can the conflict be highlighted to the world’s public. But the question remains, how long can the Sahrawi persevere in their peaceful struggle?

We thank our guests, Bettina Semmer and Saleh Mustapha, for sharing their exciting and personal impressions and for contributing to a very interesting event about the situation in Western Sahara.

C2Event coordination and presentation: Silvia Limiñana and Andreas Fricke

Coordination of the Film Series: Andreas Fricke

Text: Carolin Bannorth

Text translation: Alex Odlum

Photos: Andreas Fricke and Carolin Bannorth

Organisation: The 14km Volunteer Film Crew

The 14km Film and Discussion Series 2015 gets sponsorship by budgetary funds of the Federal State of Berlin – Office for Development Cooperation.

Further events are scheduled as followed:

October 28th  /  November 18th  /  Dezember 9th

The events are dedicatet to a single country or specific topic, in order to give an artistic-documentary impression . The ensuing audience discussion aims to include further informations by an affected person living in Berlin and by an scientific expert, always aiming to make links to North-South relationships.

 

We express thanks for the support:

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